Kultur : Ein letztes Wiegenlied

BORIS KEHRMANN

Lachend: Passionsmusiken von Telemann im SchauspielhausVON BORIS KEHRMANNDaß das Leben eine Reise und deren Ziel im Jenseits sei, diesen Trost haben Sterbelehren zu allen Zeiten ausgesprochen.Telemann, der Meister des Spätbarock, der sich in so vielen seiner Werke als einer erweist, der in der Vorhut lebenskluger Frühaufklärung wirkte, hat diesen Gedanken zum Hauptaffekt seiner Trauerkantate "Du aber, Daniel, gehe hin" gemacht.In einem Rezitativ heißt es: "Du, Gottgeliebter Daniel, / Bist nun der Sterblichkeit entrissen / Dich lacht itzt stetge Ruhe an." Dieses Lachen führt uns der Bassist Gotthold Schwarz im ganz Telemann gewidmeten Abend des RIAS-Kammerchors und der Akademie für Alte Musik im Schauspielhaus mit lachenden Koloraturen buchstäblich vor.Daß solch lebensfreundliche Kunst im tiefgründelnden 19.Jahrhundert Kopfschütteln erntete, leuchtet ein.Dabei führt der kluge Komponist die Trauergemeinde in der 30minütigen Kantate aus lähmendem Schmerz behutsam einem neuen Lebensmut zu.Er stützt sich dabei im titelgebenden Eingangschor auf die Verheißung, die dem Propheten Daniel im letzten Vers seiner Weissagungen zuteil wurde, und auf Johann Francks Dichtung, die den Tod als "Schlafes Bruder" willkommen heißt.In einer von Johanna Stinnez mit leichtem Sopran vorgetragenen Arie illustrieren begleitendes Flöten-Staccato und Streicher-Pizzicato den stockenden Lebensatem, so daß auch dem Hörer der Atem stockt.Im Schlußchor "Schlaft wohl, ihr seligen Gebeine, / Bis euch der Heiland wieder weckt" nimmt dies Pizzicato den tröstlichen Rhythmus eines Wiegenliedes an.Ein Meisterwerk, das in seiner schlichten Besetzung - 10 Instrumentalisten und 15 Choristen reichen unter Marcus Creeds behutsamer Leitung aus - an Eindringlichkeit gewann.Das eigentliche Hauptwerk des Abends, die 75minütige Passionskantate "Der Tod Jesu", in denen der Librettist Karl Wilhelm Ramler die Figuren-Rede des Johannes-Evangeliums mit erläuternden Zwischentexten in pädagogischer Absicht verbunden hat, verliert dagegen an Intensität, was es an Ausdehnung zulegt.Einzelnes ragt ingeniös hervor: die Einleitungs-Sinfonie etwa, in der gedämpfte Hörner und Trompeten eine düster-brütende Welt der Gottesferne zeichnen.Das Versöhnungsduett weist auf Mozart voraus (neben Gotthold Schwarz Stella Doufexis mit substanzreichem Alt), während Gerd Türk Jesus im Wettstreit mit dem konzertierenden Horn Christian Dallmanns als Glaubenshelden mit heroischem Pathos auftrumpfen lassen muß.Das Gesamtkonzept als Ganzes konnte nicht überzeugen.

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