Ein Lob aufs Warten : Was der Advent für den Umgang mit Populisten lehrt

An der Ampel, in der Schlange, beim Arzt: Warten kann nerven. Dabei ist die Fähigkeit dazu auch Ausdruck von Weisheit - und eine Tugend im Umgang mit Populisten und ihren Provokationen. Ein Kommentar.

von
Die Wachsfigur von Bundeskanzlerin Angela Merkel als Weihnachtsmann bei Madame Tussauds.
Die Wachsfigur von Bundeskanzlerin Angela Merkel als Weihnachtsmann bei Madame Tussauds.Foto: Jens Kalaene/dpa

Der Advent ist im Kirchenjahr die Zeit des Wartens. Advent kommt von lateinisch „adventus“, die Ankunft. Gewartet wird auf die Ankunft Jesu Christi an Weihnachten. Aber wer will heute noch warten?

Übers Internet ist fast alles sofort zu haben. Auch im Straßenverkehr macht sich rasende Ungeduld breit. Wenn die Ampel auf Gelb schaltet, geben viele Autofahrer Gas und setzen das Leben anderer aufs Spiel – nur, um nicht warten zu müssen. Auch in der Politik ist das Warten verpönt.

Gerade in Krisenzeiten schalten viele Politiker erst mal einen Gang hoch. Passiert irgendwo ein Unglück, gar ein Terroranschlag, werden sofort Tweets rausgehauen, auch wenn noch keiner die Lage überblickt. Hauptsache schnell und als Erster. Keiner möchte als Zauderer dastehen, sondern Entschiedenheit und Macherqualitäten demonstrieren. Wie oft schon wurde Angela Merkels abwartender Politikstil kritisiert. Und die SPD? Will erst im Januar entscheiden, wer Kanzlerkandidat wird? Geht gar nicht, finden viele Kommentatoren.

Niemand wartet gerne, klar. Warten macht hilflos und ohnmächtig und zeigt die eigene Abhängigkeit: von Behörden, von nicht greifbaren Hotline-Mitarbeitern, von Bahnkonzernen, von Chefs, von vermeintlich willkürlichen Ampelschaltungen. Und wenn das Leben wie bei vielen Vielbeschäftigten auf die Minute genau durchgetaktet ist, können unerwartete Verzögerungen zu existenziellen Krisen führen.

Die Vereinfacher treiben die Spirale der Schnelligkeit an

Die Warterei ist in vielen Bereichen mit einem sozialen Stigma behaftet. Es müssen sich diejenigen hinten anstellen, die sich die „Fast Lane“ nicht leisten können. Kassenpatienten, Economy-Flieger und all jene, deren Geld, Standing und Beziehungen nicht ausreichen, um sofort vorgelassen zu werden oder um überhaupt einen Termin zu bekommen. Warten müssen die Schwächeren, die es halt nicht geschafft haben.

Zugleich wird in Klöstern und Managerkursen landauf landab Entschleunigung gepredigt. Denn warten galt einmal als Lebenskunst. Dahinter stand der Gedanke, dass nur wer warten kann, auch das Glück der Erfüllung genießen wird. Warten, Geduld und Besonnenheit waren auch einmal Ausdruck von Weisheit. Diese Tradition könnte sich in einer getriebenen Gesellschaft als politische Tugend der Zukunft erweisen.

Denn es sind die Populisten, die Vereinfacher, die Meister des Vulgären und der Verleumdung, die die Spirale der Schnelligkeit antreiben. Sie wissen, wie man provoziert und setzen darauf, dass die Welt sofort auf ihre Provokationen reagiert und sie groß und größer macht. Sie verstehen das Spiel aus Atemlosigkeit, Häme und Angst. Denn nur so lässt sich ihre Empörungsmaschinerie in Gang halten. Wer genauso gehetzt und getrieben über jedes Stöckchen springt, das sie hinhalten, spielt das Spiel mit.

Populismus mit Populismus zu begegnen, hilft nur den Populisten und treibt die Spaltung der Gesellschaft voran. Klüger ist es, nicht auf alles sofort zu reagieren, sondern mitunter zu warten, auch wenn es schwerfällt. Und genau zu überlegen, was wirklich der beste nächste Schritt ist. Erst mal abzuwägen, was langfristig besser wäre.

Advent ist nicht Wegducken, sondern aktive Vorbereitung

Das Lob des Wartens darf aber nicht als Ausrede für Antriebslosigkeit dienen oder dafür, dass man sich in trotziger Weltabgewandtheit einrichtet. Der Advent ist kirchlich gesehen nicht als Zeit des Wegduckens und Teetrinkens gedacht, sondern als Zeit, um sich aktiv auf Jesu Geburt vorzubereiten. Früher fasteten die Menschen im Advent und versuchten, Buße zu tun.

Sie habe „unendlich viel nachgedacht“, sagte Angela Merkel. Deshalb habe es lange gedauert, bis sie die K-Frage für sich geklärt habe. Dieses Zögerliche, Abwartende ihrer Art, Politik zu betreiben, all das, was oft als langweilig, grau und visionslos geschmäht wurde, könnte sich sogar als kluge Strategie erweisen, um Populisten auszubremsen. Einer Umfrage von ZDF und Tagesspiegel zufolge steigt die CDU in der Wählergunst, seitdem Merkel ihre Kanzlerkandidatur angekündigt hat.

27 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben