Kultur : Ein Luxusproblem

Peter Handke, Botho Strauß und der Heinrich-Heine-Preis. Warum die Trennung von Poesie und Moral nicht funktioniert

Marius Meller

Die schlechte Nachricht, das Widerwärtige zuerst: Der Dramatiker und Prosaist Botho Strauß hat sich mit einer Miszelle in der „FAZ“ in die Handke-Debatte eingemischt. Würde man den schlanken 60-Zeiler in der Satirezeitschrift „Titanic“ lesen, auf der legendären Doppelseite „Briefe an die Leser“, könnte man sich köstlich amüsieren über die behäbige Herrenreitersprache und ein bemerkenswertes, ebenso pubertäres wie seniles Reflexionsniveau. Strauß’ kurzer Text trifft zwar einerseits ins Zentrum einer Jahrtausende alten, ehrwürdigen Debatte über das Verhältnis der Kunst zu Ethik und Moral und hebt sie andererseits in die prekäre Konstellation Deutschlands als Kulturnation post Adolf Hitler. Aber wie ein bockiges Kind sticht Strauß rhetorisch in die äußerst sensiblen Zentren des öffentlichen Diskurses – wie vor ihm Martin Walser; ein Phänomen, das außer mit hybridem Egoismus nur mit Altersstarrsinn erklärt werden könnte.

Strauß schreibt: „Wer Schuld und Irrtum nicht als Stigmata (im Grenzfall sogar Stimulantien) der Größe erkennt, sollte sich nicht mit wirklichen Dichtern und Denkern beschäftigen. Wir leben gottlob noch nicht in einer Lea-Rosh-Kultur, in der sich deutscher Geist nur geduckt bewegen soll oder rückschaudernd erstarren und jede erhobene Stirn, etwa zum Ausschauhalten, als pietätlos und missliebig angesehen wird.“

Widerwärtig ist die simple Provokationsstrategie. Der Resonanzraum, den Strauß ganz bewusst evoziert, ist die Debatte um das Holocaust-Denkmal als „Dauerrepräsentation unserer Schande“ (Martin Walser) sowie die Rede vom „deutschen Geist“, der sich nach Strauß eben nicht mehr angesichts seiner Verirrungen vorsichtig ducken soll (warum eigentlich nicht?), sondern – alles Große steht im Sturm – mit „erhobener Stirn“ ins Jenseits der politischen Korrektheit „schauen“ soll. Martin Walsers Begriff der „Schicksalsgemeinschaft“ der Deutschen ist gegen diese listige, unironische, um nicht zu sagen: verschlagene Rede vom „deutschen Geist“ Kinderkram, möchte man meinen. 1933 wurde der Spruch über dem Audimax der Heidelberger Universität ausgewechselt: „Dem lebendigen Geist“ stand dort zuvor, und nun: „Dem deutschen Geist“.

Das aber sei kurz vor Pfingsten jemandem mit aller Deutlichkeit gesagt, der so kokett mit brisantem Sprachmaterial herumspielt: Der Geist weht wo er will, er ist universal, katholisch im Wortsinn, also nicht im konfessionellen Sinn – eben allumfassend.

Vom universalen, völkerversöhnenden Geist, als dessen Repräsentationen die Universitäten dieser Welt gedacht waren und sind, hat Botho Strauß – wir ahnten es bereits – nichts abbekommen. Er will nur ein hypertrophes, schreibendes Ich sein: narzisstischer Größenwahn, wir kennen das. Nach Strauß „bleibt“ vom Mussolini-Apologeten Ezra Pound der „Matador der Moderne“, nach Strauß „bleibt“ vom Staatsrechtler Carl Schmitt („Der Führer schützt das Recht“) der große „intuitivste Denker“, und von Peter Handke, der am Grab eines Massenmörders Abschiedsworte der „Nähe“ sprach, „bleibt“ der „sprachgeladenste Dichter seiner Generation“. So stellt sich das Botho Strauß offenbar vor: Von der Schlacke der politischen und moralischen Verirrungen befreit, gehen die Künstler in die Walhalla des kulturellen Gedächtnisses ein. Nicht nur sauber, sondern rein. Mit einem Persilschein für die Ewigkeit. Aber das ist nicht so!

Jetzt aber die gute Nachricht: Keiner in diesem Lande außer vielleicht dem Jungvolk von der ultrarechten Wochenzeitung der „Jungen Freiheit“ findet so etwas gut. Höchstens noch die Anhänger des verquasten 19. Jahrhundert-Konzepts der „Kunstreligion“. Aber im Grunde kann man das alles als Erfolgssymptom der liberalen Gesellschaft diagnostizieren: Heutzutage fühlen sich in Deutschland Dichter, die einen Preis nicht bekommen, schon verfolgt. Dazu noch einen Preis – im Falle des Heinrich-Heine-Preises –, der laut Satzung dezidiert der „Völkerverständigung“ dient. Einen „reinen“ Literaturpreis, den Büchner-Preis, hat Handke bereits zurückgegeben, das Preisgeld allerdings ohne Zinsen. Spielverderber!

Ein Luxusproblem also. Sigrid Löffler, die nun mit Aplomb aus der Jury des Düsseldorfer Heinrich-Heine-Preises ausgetreten ist, nachdem ihre intensive Werbeaktion für den durchgeknallten Schriftsteller rückwirkend kritisiert wurde, verwechselt das Nicht-Zuerkennen einer literarische Ehrung mit Zensur, die bei uns verfassungsmäßig eben nicht stattfindet. Jeder kann bei uns sagen, dichten, delirieren, was er will, solange er nicht den juristischen Tatbestand der „Volksverhetzung“ erfüllt. Aber preiswürdig muss das nicht unbedingt sein.

Was für eine Brisanz in diesem Problemfeld herrscht, erkennt man besser, wenn man in der Geschichte etwas zurückgeht. Der Philosoph Platon verbannte die Dichter aus dem Staat, weil sie – nach seinen Begriffen – wirres Zeug reden. Man kann froh sein, dass Platons Staatskonzept in dieser Hinsicht nie verwirklicht wurde, auch nicht, als im 3. Jahrhundert der Platonist Plotin um ein Haar die Chance bekommen hätte, dieses Projekt auf den Trümmern von Pompeji zu verwirklichen. Das christliche Mittelalter verpflichtete die Poeten auf die spirituale Moral, die sie virtuos – zwischen den Zeilen – umgingen. Ihre Existenzangst war ganz real – es drohte mehr als die Verbannung ins Exil, die in der Antike üblich war: Es drohte der Scheiterhaufen.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich aus der Rekatholisierung der Romantiker die Kunstreligion – gipfelnd in Wagners Neubelebung des Rituellen im „Weihefestspiel“. Stefan George träumte zwar vom „Dichter als Führer“, aber mit den Nazis wollte er nichts zu tun haben und emigrierte vorsorglich in die Schweiz.

Das ist der geistige Horizont, vor dem die neue Handke-Debatte herumgeistert. Moralisch sind immer nur Individuen, nie Kollektive. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Und Dichter sollen experimentieren, wie sie wollen – sie sind ja in ihrer Inkorrektheit sozusagen die Hefe des Geistes. Aber sie sollen sich nicht beklagen, wenn die Öffentlichkeit bisweilen moralisch urteilt, weil sie selbst an ihrer ethischen Verfasstheit arbeiten muss. Unbelehrbare sollten ihre Überzeugungen ruhig mit ins Grab nehmen. Was dann „bleibt“: Das bleibt abzuwarten.

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