Kultur : Ein Lyriker der Leinwand

Der Filmregisseur Peter Pewas wird mit einer herausragenden DVD-Edition wiederentdeckt

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Vergessenes Kleinod. Szene aus „Straßenbekanntschaft“ (1947/48). Foto: Absolut Medien
Vergessenes Kleinod. Szene aus „Straßenbekanntschaft“ (1947/48). Foto: Absolut Medien

Liebe auf den ersten Blick soll vorkommen. Es kann sich aber auch um eine Augentäuschung handeln. Bei einem Zwischenstopp auf einem Provinzbahnhof scheinen zwei Menschen geradezu magisch voneinander angezogen zu werden: ein Herr mit Menjoubärtchen aus dem Zweite-Klasse-Abteil und das Mädchen vom Bahnhofskiosk. Er wirft einen inbrünstigen, leicht umschleierten Blick aus dem Zugfenster, sie kommt mit verzücktem Gesicht näher. Die Kamera zeigt die beiden Augenpaare und das Leuchten darin in Großaufnahme. Aber dann sagt der Mann zu einem mitreisenden Freund: „Heute morgen fiel es mir schwer, die Großbuchstaben zu erkennen, jetzt geht es schon besser.“ Er leidet an einer Augenkrankheit, sein Interesse galt nicht dem Fräulein, sondern einer Zigarrenwerbung. Sie wird trotzdem glauben, dass der Rosenstrauß, den sie kurz danach bekommt, von ihm stammen muss.

Dass die Liebe eine Macht ist, auch wenn sie mit einem Missverständnis beginnt, davon handelt der Film „Der verzauberte Tag“. Natürlich werden die Verkäuferin und der Reisende, gespielt von Winnie Markus und Hans Stüwe, am Ende doch noch ein Paar. Die Verfilmung einer Novelle des steirischen Schriftstellers Franz Nabl arbeitet mit märchenhaften Überblendungen von Frühlingswiesen zu Liebesszenen und spart nicht an Spott über den biederen Bräutigam des Mädchens. Derlei magischer Realismus war den deutschen Machthabern des Jahres 1944 ein Ärgernis. Propagandaminister Goebbels soll nach einer Vorführung getobt haben, der Film, dem „Kulturbolschewismus“ und „Verunglimpfung der deutschen Kleinbürger“ vorgeworfen wurde, wurde verboten.

Nun ist „Der verzauberte Tag“, ein vergessenes Kleinod der deutschen Filmgeschichte, endlich wieder zu sehen. Eine liebevolle DVD-Edition des Berliner Labels Absolut Medien, hervorgegangen aus dem Hamburger Filmgeschichtskongress Cinefest, feiert das Werk des Regisseurs Peter Pewas. Pewas war ein Außenseiter im Ufa-Kino – und blieb es auch im Nachkriegsfilm. Für die verlogenen „Atelierfilme“ (Volker Schlöndorff) des NS-Filmkonzerns, bei denen die Alltagswirklichkeit hinter Kulissen verschwand, war er zu avantgardistisch. Und als dann die Jungfilmer des Neuen Deutschen Films gegen „Papas Kino“ rebellierten, galt er bereits als zu alt.

So konnte Pewas nur drei abendfüllende Filme realisieren, neben dem „Verzauberten Tag“ noch das Trümmermelodram „Straßenbekanntschaft“ und den – aus urheberrechtlichen Gründen in der Edition nicht enthaltenen – Thriller „Viele kamen vorbei“. „Straßenbekanntschaft“, 1947/48 als „Aufklärungsfilm über die Gefahren von Geschlechtskrankheiten“ im Auftrag der Gesundheitsverwaltung entstanden, führt in hartem Schwarzweiß die Überlebenskämpfe im zerbombten Berlin vor Augen: das Anstehen vor leeren Geschäften, Schieberparties und Prostitution für „eine Ami-Zigarette“, den zwischen Euphorie und Verzweiflung schwankenden Lebenshunger der ehemaligen Hitlerjugend-Generation.

Notgedrungen verlegte sich der Regisseur auf die Produktion von Werbespots, „Filmfeuilletons“ oder kurzen Dokumentarfilmen, von denen etliche, teils auch kuriose Beispiele auf den beiden DVDs versammelt sind. Filme wie „Menschen – Städte – Schienen“ (1949) über eine Bahnfahrt von München nach Bremen oder „Der nackte Morgen“ über eine „erwachende“ Großstadt stehen noch in der Tradition der Stadtsinfonien der Weimarer Republik. Das Miniaturdrama „Vormittag eines alten Herrn“ (1961) zeigt in surreal aufgeladenen Bildern die letzten Stunden eines Rentners. Und in „Wohin Johanna?“ (1946), einem Werbetrailer für die SED, erscheint einer jungen Kriegerwitwe ein Hitler-Totenkopf, bevor die Offstimme mahnt: „Schließ dich doch denen an, die sich entschieden haben – für den Frieden, gegen den Krieg.“

„Viele kamen vorbei“ (1956), ein Krimi über einen Autobahnmörder, markierte den Wendepunkt in Pewas’ Karriere. Kritiker lobten „Bildfolgen, die nur mit ganz großen, internationalen Vorbildern verglichen werden können“, aber an der Kasse floppte der Film. Ein Projekt mit dem Arbeitstitel „Gottes Kreatur“, in dem der junge Klaus Kinski einen Kindermörder spielen sollte, zerschlug sich. „Er war ein Lyriker unter den Filmemachern, er malte sozusagen Filme“, lobt der Produzent Hans Abich den Regisseur in einem Porträt. „Aber er galt auch als riskant und erfolglos.“ Pewas selber bilanzierte kurz vor seinem Tod 1984 bitter: „Eines Tages geht nicht mehr das Telefon, Sie bekommen keine Post mehr – aus, das ist das Ende.“

Der Autodidakt hatte sich das Filmemachen mit einer 16mm-Kamera selbst beigebracht. Nach einer Schlosserlehre studiert Pewas ein Dreivierteljahr bei László Moholy-Nagy am Bauhaus in Weimar und wird Werbegraphiker. Die kühnen, an der sowjetischen Revolutionsfotografie geschulten Fotomontagen seiner Filmplakate machen den Ufa-Produktionschef Wolfgang Liebeneiner auf ihn aufmerksam, dem er bei einigen Filmen assistieren darf. In der Stunde Null des Jahres 1945 schwebt ihm Großes vor: „Ich will versuchen, aus der Armut heraus einen neuen deutschen Film zu präsentieren – nämlich die Wirklichkeit.“ Es war dann die Wirklichkeit der bundesrepublikanischen Filmfinanzierung, an der er scheitern sollte. Geboren worden war Peter Pewas 1904 als Schustersohn in einer Kellerwohnung in Berlin-Mitte. Seine letzten Jahre verbrachte er, Ölbilder malend, wieder im Souterrain, in einer Wohnung in Hamburg-Eppendorf, die das Sozialamt zahlte.

Die Edition „Peter Pewas: Filme 1932–67“ (2 DVDs) ist bei Absolut Medien erschienen.

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