Kultur : Ein Machtpröbchen

Handel und Händel: Der Diogenes Verlag wehrt sich gegen den Internetversand Amazon

Jörg Plath

In unübersichtlichen Zeiten haben mythische Konstellationen Konjunktur, da macht der Buchhandel keine Ausnahme. Gegenwärtig gibt man in der Branche mal wieder „David gegen Goliath“. Diesmal kämpft der mittelgroße Zürcher Diogenes Verlag heldenhaft gegen den riesigen Internetbuchhändler Amazon. Der Goliath aus Amerika wünscht nämlich bessere Konditionen, als sie die Schweizer geben wollen, weshalb Amazon die Diogenes-Bücher nicht mehr im eigenen Lager vorrätig hält. Donna Leon, Philippe Djian oder Anton Tschechow sind zwar weiterhin zu recherchieren und zu bestellen. Aber statt Amazon liefern nun andere Anbieter aus, was nicht einen Tag, sondern zwei bis drei dauert. Sieht so ein Duell auf Leben auf Tod aus?

Der nimmersatte Buchhandelsriese und der standhafte Verlagszwerg: Dieses von einigen Zeitungen kolportierte Bild erwärmt die Herzen der Verlage, der klassischen Buchhändler und ihrer Kunden. Doch so einfach ist die Sache nicht. Jeder Buchhändler möchte bessere Konditionen. Einige von ihnen können sie auch durchsetzen, denn die Filialketten Thalia, Hugendubel oder Mayersche sind im letzten Jahrzehnt deutlich gewachsen. Amazon ist keine Ausnahme, geht aber forscher als die Konkurrenten zur Sache.

Nun gibt es zwei Regelungen im Preisbindungsgesetz, die die Position der Verlage bei Verhandlungen stärken. Der Maximalrabatt beträgt 50 Prozent auf den Ladenpreis eines Buches, und Endverkäufer wie Amazon dürfen keine höheren Rabatte als Großhändler erhalten. Notfalls lassen sich die Konditionen vor Gericht überprüfen.

Diogenes hat lieber den Weg in die Öffentlichkeit gewählt. Das bringt viel Sympathie beim klassischen Buchhandel, der dem Liebling der Branche etwas kritischer gegenüberstand, weil er sich stark an der für viele zu billigen SZ-Bibliothek beteiligt hat. Außerdem sind die Geschäfte des Buchhandels insgesamt seit drei Jahren leicht rückläufig, während Amazon im letzten Jahr 49 Prozent Umsatzplus einfahren konnte (auf geschätzte 520 Millionen Euro). Da streicht Diogenes Balsam auf blank liegende Buchhändlernerven.

Andererseits erschwert es die Verhandlungen, wenn vertrauliche Informationen den Geschäftspartner in ein schiefes Licht setzen. So weiß das werte Publikum jetzt, dass sich Amazon von den Verlagen für einen Themenartikel auf der Internetseite mit 3500 Euro bezahlen lässt. Die „Neuheit der Woche“ kostet 5000 Euro, der „Autor des Monats“ 7500 Euro. Ohne eine solche Beteiligung des Verlages nehmen amerikanische Filialisten wie Barnes & Noble Bücher erst gar nicht in ihre Regale auf.

Da staunen hiesige Buchhändler: Sie platzieren die Bücher ohne Gegenleistung an der Kasse oder im Schaufenster! Wann immer allerdings Prospekte oder Werbebriefe gedruckt werden, bitten auch sie die Verlage zur Kasse.

Zwischen beiden Polen bewegt sich die Amazon-Praxis.Bleibt die Entscheidung von Amazon, Diogenes-Bücher nicht mehr direkt zu verkaufen. Neu ist ein solches Ausspielen der Marktmacht nicht. Nur richtet sie sich erstmals gegen einen erfolgreichen mittleren Verlag. Denn bisher schnitten sich die Boykotteure immer auch ins eigene Fleisch, wenn sie gut Verkäufliches verbannten. Das ist bei der begrenzten Eskalation, wie Militärstrategen Amazons Vorgehen nennen würden, anders. Die Bücher sind ja weiterhin lieferbar. Und: Möglicherweise verdient der Internetbuchhändler mit der Vermittlung von Verkäufen sogar mehr als zuvor: Lager- und Kapitalkosten fallen jedenfalls nicht mehr an.

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