Kultur : Ein Mädchen huscht über die Straße

Claudia Wahjudi

Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht? Eine Männerhand nähert sich der Rechten einer Frau. Anmutig tippen ihre Finger auf die Tischplatte, der linke Arm ruht dagegen wie eine Schranke vor der Brust. Was die beiden, die sich in einem Café gegenüber sitzen, denken, bleibt offen. Sylvie Eybergs Siebdruck zeigt den vergrößerten Ausschnitt eines Zeitschriftenfotos. Weil die obere Hälfte mit den Gesichtern fehlt, bleiben die Personen anonym, nur die Zeit der Aufnahme lässt sich ungefähr bestimmen: Resopaltisch und kurzärmliger Damenpulli stammen aus den Sechzigern.

Acht Arbeiten stellt Sylvie Eyberg in der Galerie Paula Böttcher aus, acht Fotofragmente in Grau und Weiß samt Raster und Flecken des Originals (jedes Unikat 4000 Euro). Hände halten Stifte, spannen einen Faden, ein Mädchen huscht über die Straße, und nie erlaubt Eyberg Aufschluss über die Umstände. Alle Details verlieren sich in der Unschärfe der Vergrößerungen. Zudem hat Eyberg irreführende Worte unter die Bilder gesetzt: Klein steht "(in the) mean- "entretemps" oder "reprises over again" auf den großen Passepartouts.

Sylvie Eyberg, 1963 in Brüssel geboren, ordnet Fotos aus Zeitschriften der sechziger und siebziger Jahre in Notizbüchern; in andere Hefte trägt sie Textpassagen ein. Erst, wenn ihr solch eine Sammlung abgeschlossen scheint, fügt sie Wort und Bild zu den Kombinationen, die zunächst so zeitlos poetisch wirken - und im nächsten Moment mit historischen Fakten tricksen. Saßen so nicht Sartre und Beauvoir im Café, oder waren das Baader und Ensslin? Fetzen kollektiver Erinnerung überlagern das, was das Auge sieht. Sie machen aus dem Fingerflirt Politik. Mit ihren vornehm sparsamen Mitteln verdonnert Eyberg den Betrachter zu der Einsicht, dass sich Wissen und Wahrnehmung gegenseitig betrügen.

Fest steht in diesem Verwirrspiel nur, dass sich soziale Stereotypen hartnäckig halten. Besonders deutlich wird das auf dem Bild, das etwas abseits hängt: Es zeigt drei Paar Füße, gepanzert mit Hosenstoff und schwarzen Halbschuhen, in der Mitte noch zwei Füße in hellen Sandalen, die Riemchen um die nackten Knöchel. So angreifbar, so bedrängt, können an sich nur Frauenfüße sein. Letzte Gewissheit darüber gibt Eyberg jedoch nicht.

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