Kultur : Ein Mädchen sieht schwarz

Versuch über die Pubertät: Catherine Breillats intimes Familienporträt „Meine Schwester“

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Von Jan Schulz-Ojala

Anais ist zwölf. Sie ist das Pummelchen, der „Fettfleck“, der „frisst wie’n Schwein“: Solche Wörter hat ihre drei Jahre ältere Schwester Elena für sie, wenn sie mal wieder einen Mülleimer braucht für ihre schlechte Laune – ihre Dicke, die da rumläuft neben ihr durch die Feriensiedlung, dieser Anstandswauwau im kackbraunen Mantel, aus dem die fleischigen Beine nur so rausstehen, oh wie eklig das alles, oh Gott. Also singt Anais (Anais Reboux) selbstgedichtete Trauerliedchen vor sich her, also küsst Anais im Schwimmbad den Holzsteg und die Chromleiter, redet mit ihnen wie mit zwei erträumten Liebhabern, dumme Anais, kluge Anais, die sich da ins Leben einübt ganz allein. Oder ins Sterben: Dann liegt sie halb im Meer, spielt Wasserleiche, angeschwemmter aufgedunsener Fisch mit allerschmalster Mädchenseele.

Aber Elena dagegen! Ein Traum, so hübsch! So feine Züge hat das kühle Teufelchen, so staksig schmale Schülterchen, Engelsflügel abgerissen beim Sturz aus dem Paradies. Mit Schwesterchen latscht Elena (Roxane Mesquida) durch die Siedlung und lernt, na endlich, na anfänglich, beim Eis-Essen Fernando (Libero de Rienzo) kennen, den Jurastudenten aus Italien; und nach einem knappen Austausch imaginärer Visitenkarten – mein Papa ist Anwalt für internationales Recht, meiner Unternehmer – kommt’s zum Austausch erster Körperflüssigkeit. Endloser Kuss, und Anais, die Bananensplitfuttermaschine, guckt zu.

In kaum mehr als einem Dutzend Situationen, teils quälend lang und atemberaubend präzis ausgespielt, erzählt Catherine Breillat („Romance“) von der Rivalität – und der Restliebe – zweier Schwestern, vom Entjungfertwerden, vom brutalen Hinübergerissensein vom Kind zur Frau. Anais will als ersten Mann am liebsten einen „Niemand“, irgend einen Fremden und bloß keine Liebe; Elena träumt vom Verlobtsein, vom Heiraten, von der ganz großen Romantik. Und tatsächlich, sie kriegen beide, was sie sich vorgestellt haben. Nur denn doch arg anders, als sie es sich vorgestellt haben.

Ein sehr nach innen schauender, die Zeit dehnender Film ist das geworden, voller starker, böser Szenen, die eher lieb oder zumindest harmlos anheben: die beiden Besuche von Fernando zum Beispiel nachts im Mädchenzimmer, sein Süßholzraspeln, um an die Hübsche heranzukommen und in sie hinein, während das Pummelchen paar Meter weiter keinen Schlaf kriegt vor Erregung und Abscheu und Einsamkeit; oder die paar Szenen mit Familie in der Feriendorf-Finca, mit einem schauerlich abwesend anwesenden Papa (Romain Goupil) und einer vor lauter Befriedigungsferne schrill gewordenen Mama (Arsinée Khanjian, wunderbar kurios gegen ihr innewohnendes Leuchten besetzt). Oder die Autofahrt schon ziemlich gegen Ende, ein immer längeres und immer unsicheres Hineinfahren in die Autobahnnacht. Alles Szenen, bei der Berlinale letztes Jahr zum ersten Mal gesehen, Szenen, die so viel anderes überlebt haben, hypergenau gesehene Szenen vom toten Leben.

Nur: Geht sowas ohne „echten“ Tod ab im Kino? Leider meistens nicht. Und so lässt Breillat die Mutter, die Schönschwester und das Pummelchen, die einander meist nur kalte Hölle sind, durch eine heiße Hölle gehen. Und setzt auf eine schon schaurige Pointe noch eine schaurigere obenauf. Erst bricht das amerikanische Killer-Kino geradewegs durch die Windschutzscheibe, und dann schlägt Breillat mit einem einzigen Satz – Schlusswort Anais! – zurück. Doch was sie sich als Triumph gedacht hat, gerät zur Katastrophe.

Denn im Lichte dieses Satzes – hören Sie ihn selbst – erscheint die bestechend aufregende éducation très peu sentimentale nur noch wie eine öde Beweisführung. Anais sagt genau das Gegenteil von dem, was man erwarten darf, sie leugnet – zumindest nach außen – eine furchtbare Erfahrung. Will heißen: Wenn Gewalt nicht als gewalttätig bezeichnet wird – worin unterscheidet sie sich dann noch von allem anderen? Und heißt das nicht weiter: Alles ist Gewalt? So ist der Film am Ende ohne Rücksicht auf seine Figuren und das Publikum doch noch zum Pamphlet geworden.

In den Kinos Filmbühne am Steinplatz (OmU) , fsk am Oranienplatz (OmU), Hackesche Höfe, Xenon (OmU).

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