"Ein Mann, der fällt" von Ulrike Edschmid : Das Rückgrat von West-Berlin

Ulrike Edschmids neuer Roman "Ein Mann, der fällt" ist eine diskret erzählte, humorvolle Liebesgeschichte und ein Seismograf der Umwälzungen, die die Stadt seit 1986 durchlebt hat.

von
Noch unbebaut. Das Gelände des Potsdamer Platzes kurz nach der Wende.
Noch unbebaut. Das Gelände des Potsdamer Platzes kurz nach der Wende.Foto: imago/F. Berger

Max Beckmann sagte über sein Bild „Abstürzender“ einmal, es sei nicht Ikarus, sondern der Mensch, der verurteilt sei, auf die Erde zu fallen und dort zu leben. Keine Erlösung durch den Tod also, sondern der Zwang zum Weitermachen. Der Mann, der in Ulrike Edschmids Roman fällt, erhält keinen Namen. Er bleibt durchgehend der auf erzählerische Distanz gehaltene „Er“.

Er also sagt im Krankenhaus, er sei gefallen wie der Abstürzende in Beckmanns Gemälde, mit dem Kopf voran, die Arme vorgestreckt. Die Ärzte im Krankenhaus haben einen Namen für die Folgen des Sturzes: Contusio spinalis, Stauchung des Rückenmarks. Noch eine kleine Hoffnung auf die unverletzten Nervenbahnen. Aber es ist klar, dass nach diesem Tag, nach dem 27. Juli 1986, nichts mehr so sein kann wie zuvor.

Ein Tonfall der Zuneigung ohne Sentimentalität

Das Faszinierende an diesem Buch, das, wie die Autorin in einem Nachsatz einräumt, auf Tatsachen beruht, ist der Tonfall, den Edschmid gefunden hat. Pathos oder Sentimentalität sind ihr vollkommen fremd. Mit Distanz, ja beinahe mit Kälte beobachtet das erzählende Ich den Mann, der ihr Mann ist und es auch nach seinem Unfall bleiben wird; seine von Wut und Verzweiflung angetriebenen und von Angst wieder zurückgeschlagenen Versuche, sich zumindest einen Teil des alten Lebens zurückzuerobern. Und durch diesen dezidiert emotionslosen Bericht schimmert trotzdem eine tiefe Zuneigung. Schließlich bleibt sie bei ihm, mit allen Konsequenzen.

Der Leitersturz ereignet sich während der Renovierung der neuen, gemeinsam zu beziehenden Wohnung in einem Charlottenburger Eckhaus. Sie, von Beruf Journalistin und Schriftstellerin, bricht auf zu einer Recherchereise; er fährt zurück in die Wohnung, um die Decke zu verputzen, auf der obersten Stufe der Leiter stehend, beide Hände beschäftigt. Als sie zurückkommt, findet sie die Tür aufgebrochen und eine schlichte Benachrichtigung der Polizei vor. Sie putzt das eingetrocknete Blut vom Boden auf.

Eigentlich wird zum Schlüsselwort des Alltags

Was nun einsetzt, ist ein Kampf an mehreren Fronten. Zum einen ist es der des Mannes um Autonomie. Gegen alle Wahrscheinlichkeit und gegen alle Prognosen der Ärzte bleibt er nicht im Rollstuhl. Er lernt langsam wieder zu gehen, mit Krücken, später ohne, kurze Entfernungen, konzentriert auf den Weg vor sich blickend, immer in Angst, dass ihm die Kräfte ausgehen.

Es ist auch der Kampf des Paares, ein Paar zu bleiben. Das Wort „eigentlich“ wird zum Schlüsselwort des Alltags. Der Eigentlich-Zustand war der Normalzustand. Die Abweichungen davon sind nun zu organisieren: Berufsalltag wiederherstellen, Behindertenparkplatz verteidigen. Das „Eigentlich“ ist die Lücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Berlin der 90er Jahre
Die Berliner Mauer, Sebastianstraße, Dezember 1989. Aufgenommen hat sie der Fotograf Andreas Muhs, der kurz nach der Wende im November 1989 nach Berlin kam. In den folgenden Jahren beobachtete er mit seiner Kamera aufmerksam und voller Neugier den radikalen Umwandlungsprozess, den die langsam wieder zusammenwachsende Stadt durchmachte. Unsere Bildergalerie zeigt eine Auswahl seiner Aufnahmen aus den 90er Jahren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 29Foto: Andreas Muhs
20.01.2011 10:12Die Berliner Mauer, Sebastianstraße, Dezember 1989. Aufgenommen hat sie der Fotograf Andreas Muhs, der kurz nach der Wende im...

Und dann ist da noch das Haus selbst und dessen Mieter. Im Erdgeschoss ein spanisches Restaurant, das bis in die Nacht Lärm macht mit Küchengeräuschen und Flamencotänzen. Ulrike Edschmid, das spricht unbedingt für sie, erkennt durchaus auch das humoristische Potenzial, das in einer verzweifelten Situation steckt. Zweimal kommt das Ordnungsamt vorbei und misst den Lärmpegel des Restaurants – am Tag. Auf den Hinweis, dass die schlimmsten Belästigungen aber in der Nacht vor sich gingen, erntet das Paar ein Schulterzucken: Nachts arbeite man nicht im Amt, also werde der Pegel nur am Tag gemessen. Edschmid erzählt in knappen Sätzen und in kurzen Episoden, in denen die Zeit dennoch stetig voranschreitet.

Denn neben der diskret erzählten Liebesgeschichte, und um nichts anderes handelt es sich, ist „Ein Mann, der fällt“ auch ein genauer Seismograf der Umwälzungen, die die Stadt von 1986 bis in die Nullerjahre durchlebt. Das Haus verändert sich und die Menschen in ihm auch. Im Hinterhof campieren plötzlich Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Vor dem koscheren Imbiss im Haus gegenüber stehen nach den Anschlägen von 9/11 Tag und Nacht Polizisten mit Maschinenpistolen. Im spanischen Restaurant (das verschwindet unglücklicherweise nicht) tummeln sich zwielichtige osteuropäische Gestalten, die ihre Waffen auch offen zur Schau tragen. Der serbische Kioskbesitzer wird nach einem Streit von einem Neonazi angeschossen.

Das alte Leben fehlt

Es sind die politischen Zeitenwenden, die Edschmid im Kleinen beobachtet und festhält. Und, versteht sich – die Gentrifizierung. Wohnungen werden verkauft und luxussaniert. Was fehlt, ist das alte Leben. Das ist keine nostalgische Feststellung. „Seit Monaten“, so heißt es, „leben wir an den Wochenenden nahezu allein in dem Haus an der Kreuzung.“ Eine Zweisamkeit, deren Bedingungen immer wieder aufs Neue justiert werden müssen.

Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 188 Seiten, 20 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben