Kultur : Ein Mann geht in die Kälte

Lou Reed, der große Nihilist des Rock, startet in Berlin seine Deutschlandtournee

Kai Müller

Der erste Akkord. Und die Kälte ist da. Lou Reed sieht sich am Straßenrand stehen, einen Koffer in der Hand und der Wind weht und die Leute reden. Und er sieht zu und denkt sich seinen Teil: „Anyone who ever had a heart/ And wouldn’t turn around and break it./ Anyone who ever played a part/ And wouldn’t turn around and hate it.“ Pessimismus ist eine Lebenseinstellung dieses düsteren „Rock’n’Roll-Animal“, wie sich Lou Reed vor 30 Jahren, als der Song entstand, selbst genannt hat. Auf der dunklen Bühne des Berliner Schiller-Theaters steht er in schwarzem T-Shirt, schwarzer Lederhose, seinem üblichen Outfit also, um die Schulter gehängt eine silbrig-glitzernde Stratocaster- Gitarre, und singt zum Auftakt „Sweet Jane“. Der Song, eine assoziative Alltagsbeschreibung, bereitet den Boden für ein zweistündiges Rock-Experiment, in dessen Verlauf der Musiker trocken durch sein melancholisches und abweisendes Œvre streift.

Dabei wird Reed weniger von einer Band begleitet als von – ja, was ist das eigentlich? Zwei Gitarren, Cello, Bass und Backing Vocals. Ein Schlagzeug fehlt – nur gelegentlich trommelt Reeds langjähriger Weggefährte und Bassist Fernando Saunders auf ein elektronisches Drumset ein. Energie muss dieses Kammerensemble aus etwas anderem schöpfen: der Wiederholungsdynamik einer Gospel-Messe. Denn wie in einer Kirche dreht sich das Quintett auf seinem wunderbar simplen Akkordkarussel immer tiefer und lauter in die Finsternis des Reedschen Seelen-Reigens hinein – mit zäher Wucht und einem unerschütterlichen Vertrauen in die Kraft metallischer, verzerrter Gitarren. So ziehen vor dem inneren Auge Bilder von Reeds Schmerzkarriere vorüber wie Lastentiere einer durstigen Karavane.

„Venus In Furs“ erinnert an die hypnotischen Klangflächen der Velvet-Underground-Phase, „Men Of Good Fortune“, „Dirty Blvd.“ und die trostlose Selbstmord-Ballade „The Bed“, rufen die Verwirrung einer desillusionierten Hippie-Generation wach, bis „Ecstasy“ schließlich bei den modernen Drogen ankommt.

Ob es beabsichtigt oder einfach nicht zu verhindern ist, dass der Literatur-Fan Lou Reed sich auf die balladesken Songformate beschränkt, lässt sich auch an diesem Abend nicht klären. Jedenfalls entfaltet das Konzert schnell einen rauhen, intimen Garagen-Charakter, bei dem Reed mehr als Rezitator denn als Sänger glänzt.

Am deutlichsten schimmern seine literarischen Ambitionen bei einer – von ihm selbst erstellten – Kurzfassung des Poe-Klassikers „The Raven“ durch. Dramatisch klingt dieses Zwiegespräch mit einem Raben, voller Empörung. Und Reed untermauert die Theatralik des Wahngedichts, indem er dessen Hirngespinste mit seiner Gitarre ins Groteske treibt. Das ist großartig, und man begreift, dass es eines Schlagzeugs gar nicht bedarf, wenn Sätze, Gedanken und Verse derart rasant ihren eigenen Rhythmus entfalten.

Aber es gibt auch Momente an diesem Abend, bei denen einen blankes Entsetzen packt. Leider ist dafür ein Mann verantwortlich, der ein exzellenter Instrumentalist, aber ein vollkommen untalentierter Musiker ist – Fernando Saunders. Man hört dem fingerflinken Studiomusiker seine Versiertheit an, aber als er dann ein eigenes Liedchen vortragen darf, fällt die Liebesschmonzette so deutlich gegen die erfahrungssatten Klangpoeme des Großstadt-Nihilisten Reed ab, dass dieser besser auf solch eine Freundlichkeit verzichtet hätte. Als dann plötzlich ein in weiße Seide gekleideter Tai Chi-Kämpfer an den Bühnenrand tritt, um dort seine geschmeidigen Bewegungen auszuführen, herrscht nicht minder ratloses Erstaunen.

Ganz anders ein Mann namens Antony, den Reed für sein „The Raven“-Projekt entdeckte und der die Szenerie meist scheu von einem Stuhl am Rand aus betrachtet. Wie bemerkenswert dessen volle Vibratostimme ist, demonstriert er erst gegen Ende mit einem Song, den Reed zu singen sich nicht mehr traut – „Candy Says“ von 1969. Während der hühnenhafte Sänger sein rundes, jugendliches Gesicht unter dem Gewicht der Empfindung verzerrt und wild mit den Armen herumfuchtelt, sieht man etwas Seltenes: Lou Reed, der Unberührbare, lächelt.

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