Kultur : Ein Mann sieht rosa - Daniel Auteuil im Kampf gegen die Kinderpornografie

Jan Schulz-Ojala

Leon, eben erwachsener Junkie-Sohn aus gutem Londoner Hause, ist verschwunden. Die Eltern, seine Schwester Deborah (Nastassja Kinski) und Schwager Carlos (Ciaran Hinds) engagieren den französischen Privatdetektiv Xavier Lombard (Daniel Auteuil), der sich unlängst in London niedergelassen hat. Statt die üblichen Ehebrecher(-innen)-geschichten aufzuklären, soll er Leon suchen. Eine Art Freundschaftsdienst. Man kennt sich von früher. Lombard und Carlos arbeiteten in Paris als Polizisten. Lombard wurde gefeuert: Er hatte einen Big Dealer aus dem Drogenszene getötet und damit den Mord an der eigenen Frau und Tochter gerächt. Und Carlos hatte ihn vor Gericht rausgepaukt.

Vorgeschichte kompakt: Natürlich wird sie in "The Lost Son" nicht in dieser Reihenfolge erzählt. Das wäre langweilig, oder? Andererseits hilft die nüchterne Grundierung des Terrains vielleicht, sich in einem Film zurechtzufinden, der so manches auf einmal sein will: Thriller, Film noir, Psychogramm eines Einzelgängers - und durchaus ehrgeizige Forschungsstudie im Feld der Kinderpornografie. Letzteres wäre fast noch eine kinematografische Pioniertat, erstere Elemente gehören zum Uraltbestand des Kinos. Die Mischung macht den Reiz, mag sich Regisseur Chris Menges gedacht haben. Und die Überreizung, darf man hinzufügen.

Nicht, dass dieser Film schlecht gemacht ist. Das Drehbuch (Mark Mills, nach dem Roman von Margaret und Eric Leclere): korrekt, teils spannend - und passagenweise sogar sophisticated. Die Schauspieler: tun ihr Bestes, vor allem Auteuil. Und die Kamera hat der 60-jährige Chris Menges, der selbst mehr als Kameramann denn als Regisseur gearbeitet hat, in die Hände Barry Ackroyds gegeben, dessen Arbeit für die Filme Ken Loachs man kennt und schätzt. Die Sets: sorgfältig, von Soho bis Mexiko. Und doch. Irgendwie schimmert die Fleißarbeit durch. Das Papier. Die sorgfältig kadrierte Panik, bloß nichts falsch zu machen.

Lombard also, der Mann, der schon einmal rot gesehen hat, ermittelt. In einem schlichten Haus am Meer findet er Leons Freundin Emily (Katrin Cartlidge) vor, mit einem kleinen, vor den missbrauchsgeilen Europäern geretteten indischen Jungen. Später wird Lombard aus einem abgeschotteten Hotel, in das er sich als vermeintlicher Freier einschleicht, einen anderen "Welpen" retten, den er auch hätte umbringen dürfen - gegen kostenpflichtige Entsorgung der Leiche, versteht sich. Diese Befreiungsszene ist der Action-Höhepunkt des Films. Aber beutet Chris Menges dieses grausamst mögliche Milieu nicht nur aus, aus Lust auf den besonders exquisiten Thriller-Thrill? Auch das kann man so nicht sagen. Auch die Hölle bleibt wohltemperiert, liefert diskrete, im Ergebnis geschmackvolle Bilder.

So geht das. Wir sehen zu, und zugleich umschleichen wir unsere Wahrnehmung. Katrin Cartlidge, der von ihr sparsam, aber wirkungsvoll verkörperte Einbruch von Vitalität in einen perfekt gedachten Film, bleibt Episode. Nastassja Kinski spielt in den Credits die Rolle des Lockvogels, die Marianne Denicourt im Drehbuch spielt, mit ebenso ambivalentem Ergebnis. So hat Auteuil bald den ganzen Film auf den Schultern. Er trägt ihn. Und trägt doch schwer an ihm. Man sieht es, und am Ende sieht man nur noch das, in jeder Sekunde.In Berlin in den Kinos Filmkunst 66 und Village Cinema Kulturbrauerei

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