Kultur : Ein Mann sieht rot

Forum: „Sympathy for Mr. Vengeance“ von Park Chan-Uk

Silvia Hallensleben

Verbrechen aus familien-medizinischer Indikation sind ja im Kino ein eigenes Genre. Ryu stolpert auf besonders gemeine Weise in die Falle. Beim Versuch, seiner kranken Schwester eine Niere zu spenden, lässt er sich von illegalen Organhändlern abzocken und steht bald ohne Niere und ohne Geld da. In der Not schlägt seine Freundin eine Kindesentführung vor. Doch der Plan geht schief, das Mädchen stirbt. Und die Rache des traumatisierten Vaters führt alle zueinander in einer Spirale der Gewalt.

Das Drehbuch von „Sympathy for Mr. Vengeance“ erlaubt sich arabeske Ausschweifungen ebenso wie kühne Ellipsen, die manchmal an die Grenze des Verständlichen gehen. Doch die Auslassungen verschaffen dem Plot die Freiheit, sich von Genreregeln zu lösen. Und die Ausschweifungen dienen als zusätzlicher – oft überraschungskomischer – Kommentar.

Regisseur Park Chan-Uk („Joint Security Area“) nimmt den Schmerz des Vaters über den Verlust des Kindes ebenso ernst wie die Geschwisterliebe. Ein riskanter Angriff auf die Identifikationsleistungen des Zuschauers. Und was als schräge Gegenwartskomödie beginnt, entwickelt sich in der zweiten Halbzeit zu einem Amoklauf, der den seelischen Schmerz in körperliche Verletzungen umsetzt und dabei Figuren und Publikum nicht schont. Die Todesarten sind dabei ebenso komisch wie grausam, blutrünstig wie bizarr.

Ist Realismus einfach nur der Verlust der letzten Illusionen? Einen realistischen Film über seine Gesellschaft habe er drehen wollen, sagt der südkoreanische Regisseur. Und die sieht trotz poppig bunter Tapetenmuster und lichtdurchfluteter Breitwandbilder in diesem Film alles andere als blümchenrosa aus. „Wenn ich ein sehr optimistischer Arzt wäre, würde ich ihnen Hoffnung machen“ heißt es einmal im Film. Ein optimistischer Film ist das sicher nicht, ein kathartischer vielleicht. Unser Lachen klingt danach auf jeden Fall befreiter.

Sonntag 10 Uhr (Cinemaxx 3) und 15 Uhr (Arsenal)

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