Kultur : Ein Mann sieht Tod

Tony Scott schickt in „Mann unter Feuer“ Denzel Washington auf Rachetour

Julian Hanich

Die Story: Creasy (Denzel Washington), ein ehemaliger CIA-Agent, wird in Mexiko City als Bodyguard angeheuert. Er soll ein Mädchen der mexikanischen Oberschicht vor Kidnappern schützen. Und schon nimmt das niedliche, zarte, blonde Mädchen Creasy heftig für sich ein – ungeachtet seiner Alkoholprobleme, eines Sündentraumas und allerhand soziopathischer Neigungen.

Das Problem: Der Film verwendet viel Zeit für Sentimentalitäten, um alsdann in einem rasenden Affektkino den sorgsam aufgebauten Hass des Zuschauers abzuschöpfen. Denn als das Mädchen unvermeidlicherweise doch gekidnappt wird, darf der Betrachter live dabei sein, wie Creasy als Rächer stellvertretend zur Tat schreitet, sozusagen als personifizierter Todestrieb.

„Mann unter Feuer“ exerziert ein altes altes amerikanisches Thema durch: regeneration through violence. Dass der gläubige Creasy dabei Fürsprache in der Bibel findet, ist kein Widerspruch. Der Film funktioniert als Erlösungsgeschichte, die einen traumatisierten Sünder zum Racheengel erhebt. Wie eine Kreuzung aus „Rambo“ und Charles Bronsons Selbstjustiz-Killer in „Ein Mann sieht rot“ wütet Creasy, ein menschlicher Flammenwerfer, durch Amerikas schmutzigen Hinterhof. War längst Zeit, dass dort mal einer aufräumt, raunt uns der Film als Botschaft zu.

Creasys Figur steht einmal mehr im amerikanischen Kino für die Angst, dass die Gesetze unzureichend sind; dass die Staatsbürokratie nicht funktioniert; dass der Zugriff viel schneller erfolgen muss. Insofern passt der Film zur Unterhöhlung des Rechts, die sich in den USA derzeit im Namen der Heimatschutzes vollzieht. Aber es sind noch andere Geisteshaltungen der Republikaner, die hier hochgehalten werden: die Bibelgläubigkeit, das paternalistische Sendungsbewusstsein und der Wert der Familie. Nicht umsonst lautet der erste Satz des Films: „Familie ist alles.“

Schon mit „Top Gun“ hatte der Brite Tony Scott seinen Hang zum stilistisch geschönten Propagandakino offenbart. Auch diesmal entfaltet er visuelles Spektakel, das den Film besser aussehen lässt als er ist. Aber Scott kann seine konservative Ideologie nicht hinter Jump Cuts und Farbspielereien verbergen. Und auch sein Staraufgebot – neben Washington Christopher Walken, Mickey Rourke und Marc Anthony – rettet ihn nicht. Dirty Harry war der Mann für das konservative Amerika der Siebzigerjahre war und John Rambo der Held des Reagan-Kinos; mit Denzel Washingtons Creasy blickt uns die selbstgerechte Fratze der Bush-Ära entgegen.

In 17 Kinos; OV Cinemaxx SonyCenter

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