Kultur : Ein Mann will nach unten

Als die Liebe nicht geholfen hat: Thilo Reinhardt erdet „Hoffmanns Erzählungen“ an der Komischen Oper Berlin

Frederik Hanssen

An der Komischen Oper Berlin gibt es die schöne Tradition, dem Freundeskreis des Hauses Freikarten für die Generalproben zur Verfügung zu stellen. Mehrere hundert bekennende Fans können so schon vor der Premiere die neuesten Produktionen erleben. Mit der Einladung zur Generalprobe von „Hoffmanns Erzählungen“ allerdings erhielten die 1650 Mitglieder auch ein Anschreiben, in dem sie ermahnt wurden, doch von Zwischenrufen und Missfallensbekundungen abzusehen. Bei der Generalprobe zur „Zauberflöte“ war es Ende November zum Eklat gekommen: Dass Hans Neuenfels das Libretto umgeschrieben und für seine Ehefrau, die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, eine neue Rolle erfunden hatte, war mit lauten Buhrufen quittiert worden, woraufhin der Regisseur die Zuschauer wütend aufforderte, den Saal zu verlassen. Es folgten zwei Austrittswellen: Erst kündigten diejenigen, die sich über Neuenfels geärgert hatten, nach dem Mahnbrief des Freundeskreisvorstands dann jene, die sich den Mund nicht verbieten lassen wollten.

Bei der Generalprobe zu Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ waren alle Querelen vergessen: Es herrschte einhellige Begeisterung – ebenso wie bei der Premiere am Sonntag. Thilo Reinhardt, der erst im September die Regie von dem erkrankten Willy Decker übernommen hatte, und Kimbo Ishii-Eto, dem neuen Kapellmeister der Komischen Oper, ist ein Abend gelungen, der im besten Sinne den Geist des Komische-Oper-Gründers Walter Felsenstein beschwört. Hier geben sich Musik und Theater gegenseitig Kraft, hier wird szenische Intensität möglich durch ein Sängerensemble, bei dem sich jeder auf den anderen verlassen kann. Thilo Reinhardt glaubt an das Werk, vertraut der Partitur und will einfach nur die Geschichte erzählen.

Das ist im Fall des „Hoffmann“ allerdings die größte denkbare Herausforderung – existiert von Offenbachs Meisterwerk doch keine definitive Fassung, weil der Komponist bei seinem Tod 1880 einen Torso hinterließ. Zudem ist die Story selber als Kaleidoskop angelegt, die Schauplätze wechseln so schnell wie das Personal: In seiner Stammkneipe am Gendarmenmarkt wartet E. T. A. Hoffmann auf seine aktuelle Geliebte, die Opernsängerin Stella. Dabei lässt er sein bisheriges Liebesleben Revue passieren: Als junger Student schwärmt er für die unerreichbare Schönheit Olympia und bemerkt erst viel zu spät, dass es sich um eine mechanische Puppe handelt. Mit Antonia will er später eine bürgerliche Familie gründen – doch ihr Drang zum Theater ist stärker. In Venedig schließlich verlegt er sich auf Glücksspiel, gibt den gefühlsverachtenden Zyniker und verfällt doch der Hure Giulietta. Wenn der Auftritt der realen Stella Hoffmann im Final- akt aus seinen Fantasien reißt, ist er so betrunken, dass sich die Geliebte angeekelt abwendet und mit seinem Nebenbuhler abzieht.

Walter Felsenstein war für seine legendäre „Hoffmann“-Version von 1957 noch ganz auf Spekulationen angewiesen, stand Harry Kupfer 1993 bei seiner Inszenierung an der Komischen Oper 1993 dann schon die quellenkritische Fassung von Fritz Oeser zur Verfügung, die auch Thilo Reinhardt als Grundlage nutzt. Dennoch geht der junge Gastregisseur einen ganz anderen Weg als der langjährige Chef des Hauses. Bei Kupfer wurde die Muse, die den Dichter durch seine Abenteuer begleitet, zum Mann, das Künstlerdrama kam zum Happy End, indem Hoffmann letztendlich der Fleischeslust entsagt und sich ganz dem Geist zuwendet. Reinhardt geht den umgekehrten Weg: Seine Muse bleibt weiblich, wird zum Schatten des Meisters, zur Assistentin, die den Tagträumer durchs Leben lenkt – und bis zuletzt darauf hofft, dass Hoffmann in der Freundin an seiner Seite doch noch die Frau entdeckt, mit der er alt werden möchte.

Wenn sich der Vorhang öffnet, sitzt sie mit ihrem Herrn in einem eleganten Restaurant (Bühne: Paul Zoller), den Stift in der Hand, allzeit bereit, seine Gedanken für die Nachwelt festzuhalten. Wenn nach drei Stunden die letzten Takte erklingen, wird sie Hoffmann den Mantel hinhalten und er wird ihn ihr aus der Hand reißen, zu stolz, um sich helfen zu lassen, zu benebelt, um sich noch selber anzuziehen. Dennoch wird sie seinen Wohnungsschlüssel aus ihrer Aktentasche fingern und ihm folgen, erhobenen Hauptes. Ein Ende in trauriger Schwebe.

Auch wenn sie immer nur im Hintergrund agiert, zieht Stella Doufexis alle Blicke auf sich. Diese Muse ist die wahre Protagonistin des Abends, die Heldin in Reinhardts Interpretation. Um sie herum agiert eine Solistentruppe, die bis in die kleinsten Nebenrollen von der klugen Ensemblepolitik der Komischen Oper kündet. Sogar der Hoffmann, eine extrem schwer zu besetzende Partie, kommt aus den eigenen Reihen. Sicher, Timothy Richards Timbre ist eher prosaisch als poetisch, aber er spielt entfesselt, verausgabt sich bis zur totalen Erschöpfung.

Genau darum geht es, ums volle, pralle Bühnenleben, um Theaterzauber, der nicht viel technischen Aufwand braucht, der das Publikum mit einem kleinen Drehbühnentrick und verschiebbaren Lamellenwänden auf die schwankenden Planken Venedigs schickt, der Hoffmanns Leben im Schnelldurchlauf von den Sixties bis heute durchmisst (Kostüme: Katharina Gault), der auch mal holzschnittartig gearbeitet sein kann, weil hier Volksmusiktheater gemacht wird – mit Betonung auf den mittleren Silben.

Lange hat man in der Behrenstraße nicht mehr so genussvoll zuhören können wie bei diesem „Hoffmann“, weil die Optik bei aller Vitalität des Bühnengeschehens das Gesamtkunstwerk Oper nicht dominiert. Dirigent Kimbo Ishii-Eto weiß allerdings auch, wie er sich Gehör verschafft, packt beherzt zu, hat seinen Spaß am wilden Stilmix der Offenbach’schen Partitur und gibt sich mit dem wild entschlossenen Orchester allen Facetten der französischen Musiksprache des 19. Jahrhunderts hin: von der opulenten GrandOpéra-Emphase des vierten Aktes über die krachende Komik der Operetten-Couplets (Cornelia Götz als Sexpuppe Olympia!) und das spannungsgeladene orchestrale Irrlichtern beim Auftritt des Dr. Mirakel bis hin zur zephirzart ausgekosteten Barcarole. Chapeau!

Wieder am 10., 17. und 25. Februar sowie im März, April und Mai.

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