Kultur : Ein Massenpublikum erreichen Dokumentarfilme nicht - man muss sich konzentrieren

Silvia Hallensleben

Wo in der Provinz gibt es schon regelmäßig Dokumentarfilme zu sehen? Im Mecklenburgischen Neubrandenburg bietet das "Latücht"-Kino neben Independent-Produktionen und Klassikern auch einige Dokfilmplätze. Im "Latücht" findet alljährlich im Herbst ein kleines Dokumentarfilmfest statt. Hervorgegangen aus dem nationalen Dok-Filmfestival der DDR wurde es als "dokumentART" nach der Wende neugegründet als eine dem formal avancierten kurzen Dokumentarfilm gewidmete Veranstaltung.

Das Publikum aber wollte die trockene Kost nicht recht goutieren. Vor zwei Jahren dann schien das Festival mit der eigenen Spielstätte und einer regionalen Orientierung auf Osteuropa eine neue vielversprechende Richtung einzuschlagen. Im Augenblick wird gegenüber dem kleinen "Latücht" ein riesiger Multiplexkasten gebaut. Und auch auf der DokumentART schlägt die Innovationswut um sich. So wurde der alte Trailer durch einen neuen ersetzt, der wie eine schlechte Kopie des alten aussieht. Er zeigt den Transport einer Filmrolle, ist aber auf Video gedreht, ein merkwürdiger Kontrast, der sich durchaus als ironischer Kommentar zum Programm verstehen ließe. Denn es ist traurig und augenermüdend anzusehen, wie flächendeckend die Filmformate von den digitalen verdrängt werden.

Dabei hat die Videotechnik ja durchaus ihre Berechtigung. "Butyrka - Gefangen in Moskau" (Marianne Kapfer, Yuri Burak) etwa, ein eher am Rande der Legalität entstandenes Video, das die eigentlich unvorstellbaren Zustände in einem Moskauer Untersuchungsgefängnis vorführt, würde man sich auch als VHS ansehen. Das Medium ist eben billig und schnell. Doch genau das verführt auch zur Schlampigkeit, schließlich muss nicht groß geplant werden und löschen läßt sich ja auch schnell wieder.

Eine eigene Funktion bekommen die Produktionsmittel in einem Film, der ihre Verfügbarkeit zur Grundidee macht. In "Bosnian Video Diary" (R: Fridtjof Kjaereng) wurde drei Soldaten - einem Serben, einem Bosnier und einem Kroaten - zum Ende des Bosnienkrieges jeweils eine Kamera in die Hand gedrückt mit dem Auftrag, Alltag und Zukunftswünsche festzuhalten. Das Ergebnis bestätigt in seiner Hoffnungslosigkeit alle Erwartungen.

Was nützt so ein Film? Wie überhaupt kann der Film in Kriegssituationen gegen die Macht der medienöffentlichen Bilder angehen? Oder soll er lieber schweigen? Gerade auf dem Balkan scheint sich die angespannte Situation auf die ästhetische Form der Filme zu übertragen. Da wird geschwenkt und gezoomt und am liebsten so geschnitten, dass Nebensächliches Wesentliches verdrängt. Der Preisträger des Festivals machte die Erregtheit zum Programm. "Superbalkan" des albanischen Regisseurs Fatmir Koci ist eine 45-minütige impressionistische Tour-de-Force durch das heutige Albanien, mit der Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Krieg. Der nervig treibende Soundtrack gibt dazu den Kommentar.

Das Gegenstück zu solcher Nervosität ist in der baltischen Einsamkeit zu finden. Oder, großbürgerliche Variante, in den Niederlanden. Paulien Dresscher zeigt in "Die Schwestern meiner Mutter" Stücke aus dem Alltag zweier alter Damen, die gemeinsam einige Zimmerflüchte bewohnen. Dass es das Haus ihrer Kindheit ist, kann man im Film nur ahnen. Sehen kann man die Rituale des Alltags: die Teezubereitung, den Blick durch die Gardine, wenn die Tram voreifährt, ein paar Schritte, Nichtstun. Und die Zuflucht, die die Dinge bieten, eine Lampe etwa, deren Versorgung die beiden, die sonst geisterhaft umeinanderwandern, zusammenbringt. Variation im Gleichförmigen, Einsamkeit in der Zweisamkeit. Und ein Film, der auch von den Möglichkeiten, Grenzen und Tricks des Dokumentarischen spricht. Denn was Dresscher uns in sieben Tages-Ausschnitten und insgesamt 14 Minuten zeigt, ist ja nun wirklich eine höchst subjektive Auwahl. Wer will, kann sogar eine Geschichte entdecken.

Auch "Pavasaris" (Frühling) des Litauers Valdas Navasaitis bewegt sich auf der Grenze zwischen Narration und Meditation. Der Film erzählt anhand zweier Menschen, einiger Hunde und viel Wasser vom Einzug des Frühlings in der litauischen Provinz. Alles sieht sehr authentisch aus. Dabei hat der Regisseur mindestens die Tonspur aufwendig nachbereitet.

"Pavasaris", der mit einem Schneesturm anfängt, erhielt zu recht den zweiten Preis. Eine Werkstatt will die DokumentART sein, doch ein richtiges Festival auch. Osteuropa will man sich widmen, aber den Rest der Welt dabei nicht aussparen. Am Ende kommt bei sovielen wünschen alles ein bißchen zu kurz. In Neubrandenburg sind die Fragen immer eine Spur zu unverbindlich höflich. Ein Publikumsfestival kann die DokumentART nicht werden. Um zur echten Filmwerkstatt zu werden, täte es ihr gut, sich stärker zu konzentrieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben