Kultur : Ein Meister der zweiten Reihe

NIKOLAUS BERNAU

Eine zierliche, 97jährige Dame mit strahlend weißem Haar nimmt, elegant auf die Lehne des Rollstuhls gestützt, den Stift.Höher schreiben, fester aufdrücken, sorgt ein Anverwandter.Gertrud Arndt trägt sich mit weichem Kugelschreiber als erste ein ins Besucherbuch der Ausstellung, mit der das Werk ihres vor 23 Jahren gestorbenen Mannes Alfred Arndt im Bauhaus-Archiv gewürdigt wird.Sie ist keine der üblichen Künstlerwitwen: Noch vor Alfred war sie, die am Bauhaus als Weberin arbeitete, im Archiv zu sehen, ein von ihr entworfener, zartblaß gewordener Teppich liegt in der neuen Dauerausstellung.Umrahmt von stahlglänzenden Möbeln Marcel Breuers, wird sein gemäßigter Avantgardecharakter deutlich.

Ganz ähnlich erscheint auch das Werk Alfred Arndts, nach dem ersten Blick.Erfreulich reichhaltig ist die Auswahl, dicht gehängt, allerdings nur mit sehr sparsamen Hintergrundinformationen versehen.Schnell sind in den Haus- und Wandgestaltungsentwürfen, Möbeln und Gemälden die kräftigen Farben, kantigen Formen, der kühne Materialwechsel und die strenge Typographie des "klassischen" Bauhauses zu entdecken.Doch vor allem in den architektonischen Arbeiten verliert sein Werk nicht den Anstrich des Eklektischen.Die Anlehnung ist deutlich, an Mendelsohn und Mies, an Gropius und - beim Entwurf des Galeriehauses für den Darmstädter Kunsthändler Ströher nach dem Krieg - bei Alvar Aalto.Allenfalls bei Plakatentwürfen war Arndt seinen deutschen Zeitgenossen voraus.Bereits Anfang der zwanziger Jahre übernahm er die jede Konvention sprengenden Ideen der niederländischen de Stijl-Künstler, etwa für Werbung der Jenaer Genossenschaftsbäckerei.

Arndt gehörte nicht zu denjenigen Bauhäuslern, die von Gropius und Meyer oder Mies propagandistisch in den Olymp erhoben wurden.Mehr als seine künstlerische schätzten sie wohl Arndts organisatorische und technische Kompetenz.Noch 1926 hatte er mit Gropius heftige Konflikte, weil dieser einen Interessenkonflikt zwischen den Privataufträgen Arndts in Thüringen und seiner Tätigkeit in Dessau sah.Dennoch berief ihn Hannes Meyer 1929 zum Meister der Ausbauwerkstätten in Dessau, die endlich gewinnträchtig werden sollten.Die Entwürfe dieser Zeit waren entsprechend diesem Auftrag programmatisch schlicht.

Im Gegensatz zu den meisten Bauhäuslern war Arndt kleinbürgerlicher Herkunft.Geboren im ostpreußischen Elbing, machte er nach der Volksschule eine Lehre in einem Maschinenbaubetrieb und kam dort zum ersten Mal mit dem Bauen in Kontakt.Kohle- und Tuscharbeiten erzählen von ersten Versuchen, Maler zu werden, dichte, mit kleinem Strich gezeichnete Reiseskizzen von einer langen Wanderung durch Deutschland.1921 ging er dann, von Freunden begeistert, an das erste Bauhaus in Weimar.Trotz des abstrakten Ittenschen Vorkurses war die anschließende Italienreise mit ihrem geradezu bildungsbürgerlichen Besichtigungsprogramm prägender für Arndts Zeichentechnik.Mitte der zwanziger Jahre gelang Arndt der Sprung in die freie Wirtschaft, mit der avantgardistischen Einrichtung eines Hotels in Probstzella.

Die Ausstellung konzentriert sich auf die Bauhaus- und Nachkriegszeit.Lediglich im schmalen Katalog erfährt man, daß er sich in der Nazizeit vor allem mit Industriebauten für die vor 1933 gewonnene Klientel durchbrachte.Nur das schöne Aufmaß eines barocken Fachwerkhauses ist aus diesen Jahren zu sehen - Hinweis auf einen ungehobenen Schatz für die historische Bauforschung in Thüringen.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr.14, bis 31.Mai; Mittwoch bis Montag 10-17 Uhr.Katalog 20 Mark.

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