Kultur : Ein Moment Ewigkeit

Henri Cartier-Bressons Landschaftsfotos im Kunstmuseum Wolfsburg

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Besucher eines Dorfes am Sewansee, Armenien (1972). Foto: Cartier-Bresson/Magnum Photos
Besucher eines Dorfes am Sewansee, Armenien (1972). Foto: Cartier-Bresson/Magnum PhotosFoto: ©Henri Cartier-Bresson / Magnum

Über Henri Cartier-Bresson ist so viel geschrieben, seine Fotografien sind so oft gezeigt worden, dass es unmöglich scheint, einen noch unbekannten Aspekt zu entdecken. Das Kunstmuseum Wolfsburg versucht es mit 105 Landschaftsfotografien unter dem programmatischen Titel „Die Geometrie des Augenblicks“. Frauke Eigen, die Kuratorin, sieht in den Landschaften vor allem den abstrahierenden und mathematischen Aspekt der Fotokunst Cartier-Bressons verwirklicht. Das ist nicht neu, ein flüchtiger Blick genügt, in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen geometrische Muster zu entdecken, Parallelen und Diagonalen, Rechtecke und Kreise.

Cartier-Bresson war nie auf den Schnappschuss aus. Das Wort vom moment décisif, dem „entscheidenden Augenblick“, meint nicht die Reportagefotografie, das Dabeisein-ist-alles, wie es die Kriegsreporter pflegten, mit denen Cartier-Bresson in engem Kontakt stand. Davis Seymour, genannt Chim, wie Bresson 1947 ein Mitbegründer der legendären Foto-Kooperative „Magnum“, hatte im Krieg gearbeitet, und Bresson selbst war, wie alle linken Intellektuellen Frankreichs, im Spanien des Bürgerkriegs zu Besuch gewesen. Der „entscheidende Augenblick“ bedeutet für ihn , eine Lebenswelt und -wirklichkeit in einem einzigen Bild zu erfassen und zu verdichten. Die epische Größe, die so viele von Bressons Bildern auszeichnet, beruht auf dieser Verdichtung. Der Betrachter steht vor dem Foto und nickt: „So ist es.“

So ist es auch in den Landschaften, die bei Bresson stets vom Menschen zumindest mitgestaltet sind und zugleich den Menschen formen und ihm seine Grenzen setzen. Undenkbar, dass die drei Männer, die am Rand der verschneiten Straße im Sibirien von 1972 hocken, je sich wegbewegen, dass die schwedischen Flößer je etwas anders täten als Baumstämme zurechtzuschieben. Auffallend oft sind Kinder zu sehen. Kinder symbolisieren den Menschen im Zustand der Unschuld, der Geschichtslosigkeit. Kinder kennen kein Zuvor und Danach, sie „sind“, und was sie tun und treiben, hat Sinn und Notwendigkeit im Jetzt. Dieses Jetzt hält die Fotografie fest, aber ihr voraus geht das Wissen des Fotografen, dass die Zeitlosigkeit von Landschaft oder kindlichem Tun nur wahrgenommen werden kann, wenn ihr das Bewusstsein der Vergänglichkeit gegenübertritt.

Bresson hatte ein vorzügliches Auge, und seine große Leistung besteht darin, Situationen antizipieren zu können, so dass er den Auslöser seiner handlichen Leica betätigen konnte, noch während das Motiv im Entstehen begriffen war. Die drei Jungs, die exakt am Rand des großen Wolkenschattens auf dem Feld stehen, wären eine Zehntelsekunde später daraus verschwunden, das Kind bereits durch das besonnte Viereck im Hof des römischen Hauses hindurchgesprungen. Beide Bilder entstanden 1959 in Italien, einem Italien aus unendlich ferner Vergangenheit.

In den Landschaftsaufnahmen verlieren sich die Menschen zu ihrer wahren Kleinheit. Nicht: Bedeutungslosigkeit. Aber eben ihrer Kleinheit. So wirken die Abzüge durch ihr großes Format, festgelegt vom Fotografen selbst, das die Proportionen zulasten der Menschen zurechtrückt. Bresson vermied stets harte Hell-Dunkel-Kontraste, stattdessen nuancierte er das Grau in unmerklichen Übergängen. Nebel, Wolken, grobkörniger Film, eine für Bewegungen streng genommen zu lange Belichtungszeit wirken an dem wunderbaren sfumato der Bilder mit. Alles vereinigt sich mit allem. Unvorstellbar in Farbe.

Wenn einer die Schwarz-Weiß-Fotografie als eigene, durch nichts zu ersetzende Kunstform auf die Höhe geführt hat, dann Henri Cartier-Bresson. Man kann dies in den Landschaften am besten erspüren, weil sie am wenigsten durch ein festgehaltenes Ereignis ablenken. Es ist gerade die Ereignislosigkeit, die den Bresson’schen Landschaften ihre Größe gibt. In seinem letzten Foto, 1999, hat sich Cartier-Bresson selbst aufgenommen: als Schatten, der mit den Schattenwürfen eine Baumreihe verschmilzt.

Wolfsburg, Kunstmuseum, bis 13. Mai 2012. Als Begleitbuch empfiehlt sich: Henri Cartier-Bresson. Sein 20. Jahrhundert. Schirmer/Mosel, München 2010, 376 S., 58€.

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