Kultur : Ein moralischer Mädchentraum

SILVIA HALLENSLEBEN

Knaben in zartem Alter scheinen entweder von Waffen, Autos oder den Ammenbrüsten präödipaler Ersatzmütter zu träumen.Bei Mädchen, wenn sie in einem Milieu aufwachsen, das solche Phantasien hergibt, nehmen vielleicht Pferde und Haushandwerker die entsprechende erotische Rolle ein.Meist bleiben diese Wünsche unerfüllt.Insofern kann man Devon nur beneiden.Der Zehnjährigen gelingt es nämlich, durch Kühnheit und harte Beziehungsarbeit die Zuneigung eines solchen Mädchentraums zu gewinnen.Der heißt Trent (Sam Rockwell), ist über zehn Jahre älter, gutaussehend und mäht den Rasen um die blitzsauberen Häuschen der Mittelstands-Siedlung, in der sich Devons Eltern niedergelassen haben.Trent lebt in einem richtigen Wohnwagen mitten im Wald.Auch das ein Mädchentraum.Für Devon, auch für uns, ist diese romantische Behausung wohltuendes Gegengewicht.Für die Biedermänner ein weiteres Zeichen, das Asozialität markiert.Die Klassenunterschiede sind krass.Die Konflikte vorprogrammiert.Devon ahnt davon wenig.Trent mehr, aus Erfahrung.

Im übelsten könnte so eine Geschichte als Softporno enden.Regisseur John Duigan, durch Arbeiten wie "Wild Sargasso Sea" und "Sirens" für solches durchaus prädestiniert, entgeht der Falle, indem er auf die Unschuld dieser Freundschaft setzt.Dafür tappt er in eine andere, die der Sozialromatik.Dabei tut die Underdogperspektive, der giftige Blick auf das Milieu, das seine eigene emotionale Abgestorbenheit als Angst auf die Außenwelt projiziert, durchaus gut.Sind sie nicht schön eklig, die netten Studenten in Papas Jeep, die aus Laune das Dienstpersonal mit dem Doberman terrorisieren?

Die Haltung dieses Films ist sympathisch.Doch leider verfällt "Lawn Dogs" einer Krankheit, die fast schlimmer ist als die, die er heilen will: Dem moralischen Umkehrschluß.Warum eigentlich müssen die Deklassierten die Schlechtheit der Verhältnisse im Kino immer wieder durch Musterverhalten ausgleichen? Warum darf der arme Trent nicht auch ein bißchen schlecht sein? Es könnte ihm durchaus bekommen.Statt dessen bekommt er sterbenskranke Eltern aufgebrummt, um die er sich selbstverständlich rührend kümmert.Das ist schlimm.Am Ende sind wir dann nur noch erleichtert, wenn die Story mit einer Wendung ins Märchenhafte wenigstens halbwegs ehrenhaft schließt.Mischa Barton aber, die großäugig und klug das Mädchen gibt, sollten wir uns vormerken.Wir haben sie sicher nicht zum letzen Mal gesehen.

Broadway, International, Kant, Neues Off, Odeon (OmU)

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