Kultur : "Ein Museum kann auch Mahnmal sein"

MICHAEL NAUMANN, zur Zeit Bundesbeauftragter für Kultur, war früher Journalist und Verleger.Er ist scharfer Kritiker eines monumentalen Holocaust-Mahnmals für Berlin, so wie es der amerikanische Architekt Peter Eisenman vorgeschlagen hat.In dieser Woche legte er einen Alternativ-Vorschlag vor, der im Bundestag debattiert werden soll.Im Gespräch mit Peter von Becker, Malte Lehming, Moritz Müller-Wirth und Hermann Rudolph verteidigt der SPD-Politiker seine Idee, an dem für das Mahnmal vorgesehenen Platz ein "Haus der Erinnerung" zu errichten.

TAGESSPIEGEL: Herr Naumann, wollen Sie in Berlin ein "Denkmal für die ermordeten Juden Europas"?

NAUMANN: Keiner der bisher vorliegenden künstlerischen Gestaltungsvorschläge scheint mir dafür geeignet.

TAGESSPIEGEL: Liegt das an der Unzulänglichkeit der Entwürfe oder an der Unmöglichkeit des Projektes?

NAUMANN: Ein Mahnmal, so wie es bisher vorgesehen ist, würde eine wichtige Funktion gewiß erfüllen, es könnte einen Ort bieten für das Gedenken.Seine schon durch den Grundriß vorgegebene Monumentalität würde allerdings den wirklichen Zweck, den eigentlichen Gegenstand der historischen Selbstverständigung eines Landes verdecken: das Erinnern.Dieses Erinnern würde durch ein Mahnmal quasi verstaatlicht.Das habe ich kritisiert - und einen Gegenvorschlag gemacht.

TAGESSPIEGEL: ...der überwiegend auf Ablehnung gestoßen ist.Hat Sie das überrascht?

NAUMANN: In der Tat: Der Tonfall überrascht mich in seiner aggressiven Grundstimmung.Wenn es darauf ankommt, die Geschichte des Genozids, der Ermordung der Juden in Europa durch die Nationalsozialisten, in Erinnerung zu behalten, plädiere ich dafür, daß anstelle eines Mahnmals ein Museum, eine Art Denk-Stätte diese Funktion des gesellschaftlichen Erinnerns übernehmen sollte.Dieser Vorschlag scheint mir keineswegs so skandalös zu sein, wie einige Reaktionen es vermuten lassen.

TAGESSPIEGEL: Man wirft Ihnen vor, durch die Verhinderung des Mahnmals dem Vergessen Vorschub zu leisten.

NAUMANN: Ein absurder Vorwurf.Das Gegenteil ist richtig.Ich behaupte: Ein solches Denkmal würde ungewollt das Schicksal der meisten Denkmale ereilen, nämlich Schlußstein zu sein für ein historisches Ereignis.Es würde so Erinnerung verdecken.

TAGESSPIEGEL: Denkmale verdecken die Erinnerung?

NAUMANN: Der Denkmal-Entwurf von Peter Eisenman ist eine minimalistische Abstraktion, die sich in 2700 Betonstelen wiederholt.Es ist ein ästhetischer Gestus.Es regt ausschließlich diejenigen zum Nachdenken an, denen der Gegenstand des Erinnerns noch präsent ist.In zwei oder drei Generationen wird das, woran erinnert werden soll, aber nicht mehr so eindringlich im Gedächtnis sein wie in meiner Generation.Eisenmans Entwurf überzeugt in seiner Ästhetik - aber eben nur von sich selbst.In 50 Jahren ist er von gleichsam monumentaler Unsichtbarkeit, wie alle Monumente dieser Art, deren genaue historische ikonographische Bedeutung nur noch von Fachleuten verstanden wird.Das, was wirklich erinnert werden soll, das Unzeigbare und doch Geschehene, das, was gerade auf Jugendliche immer wieder schockhaft wirkt und auch in Zukunft wirken soll, dies würde durch solch eine Abstraktion verstellt.

TAGESSPIEGEL: Ist Ihre Ablehnung eines Mahnmals nicht doch ein Beleg für die Unfähigkeit der Deutschen, sich dem Druck der Geschichte durch ein monumentales Denkmal zu stellen? Fliehen Sie nicht statt dessen in museale Didaktik?

NAUMANN: Ein modernes Verständnis von Museen, für das viele Architekten in aller Welt Beispiele geliefert haben, geht über die reine Ausstellung von Objekten weit hinaus.Es kann durchaus ein Ort des Gedenkens sein, aber eben als Ort der genauen Erinnerung.

TAGESSPIEGEL: Man könnte dagegen halten: Nur eine abstrakte Form kann der Unglaublichkeit des Verbrechens gerecht werden.

NAUMANN: Das Denkmal ist eine Manifestation eines verständlichen Fluchtbedürfnisses, weg von der Geschichte, für die wir uns schämen, bis hin zur Abstraktion.Das ist leichter zu ertragen.

TAGESSPIEGEL: Ihre Idee ist angelehnt an das Washingtoner Holocaust-Museum.Dazu soll es noch eine Bibliothek und eine Zweigstelle des renommierten Leo- Baeck-Instituts beherbergen, alles eingefaßt in den von György Konrád vorgeschlagenen Garten der Erinnerung.Manche bringen es auf die Formel: Museum statt Mahnmal.Andere sehen darin ein Museum als Mahnmal, dritten schwebt die Variante Museum plus Mahnmal vor.Was wollen Sie?

NAUMANN: Ein Museum kann auch Mahnmal sein.Dabei ist ein architektonisch signifikanter Bau die Voraussetzung.Ein solches herausragendes Gebäude muß dann durch das, was in dem Haus selbst stattfindet, legitimiert werden.Es geht um die Darstellung der Geschichte des Holocaust auf didaktisch rationale Weise für ein sehr großes Publikum.Im Washingtoner Holocaust-Museum finden Sie beispielsweise auch eine Stätte der Stille, wo man, angeregt durch die Architektur des Raumes, mit sich allein sein kann.Im übrigen stand am Anfang der Debatte in Washington gleichfalls die Idee eines Denkmals.Man entschied sich dagegen.

TAGESSPIEGEL: Ein Großteil des Unbehagens mag sich durch den Eindruck erklären, daß Sie mit Ihrem Vorschlag einen zehnjährigen, zum Teil sehr anregenden Diskussionsprozeß angeblich handstreichartig beenden wollen.

NAUMANN: Welch eine fehlinformierte Unterstellung! Ich war derjenige, der darauf hingewiesen hat, daß diese Entscheidung nicht der Bundeskanzler allein, sondern der Bundestag treffen soll.Dadurch wird diese Debatte doch nicht verengt, sondern erweitert.Hier wird nichts präjudiziert, auch nicht von mir.Das kann eigentlich niemand bestreiten, höchstens diejenigen verärgern, die - wie die Initiatoren des Wettbewerbs - um ihre eigenen Ideen bangen.

TAGESSPIEGEL: Der Mahnmalwettbewerb läuft noch.Keiner der drei Entwürfe, die noch im Rennen sind, ist offiziell abgelehnt worden.Müßte nicht, vor einer Bundestagsentscheidung, zunächst der Wettbewerb für beendet erklärt werden?

NAUMANN: Der Bundestag sollte sich sowohl mit den siegreichen Wettbewerbs-modellen als auch mit dem von mir vertretenen Vorschlag beschäftigen.Die Federführung liegt beim Bundestagspräsidenten.Der Wettbewerb wird also um einen weiteren Vorschlag erweitert.

TAGESSPIEGEL: Der Bundestag hat vor einigen Jahren schon einmal über das Holocaust-Mahnmal debattiert und sich für den Wettbewerb ausgesprochen, dessen Verfahren nun von Ihnen - kurz vor dem Abschluß - gestoppt wird.

NAUMANN: Ich wiederhole: Ich stoppe kein Verfahren, ich bereichere es.Im übrigen ist das kein Alleingang.Mein Vorschlag ist der Gegenvorschlag der Bundesregierung.György Konrád und viele andere, von Walter Jens bis Günter Grass, unterstützen mich.

TAGESSPIEGEL: Trotzdem gibt es bereits eine Bundestagsentscheidung.Und zwar, den laufenden Wettbewerb zu Ende zu bringen, ein Denkmal zu errichten für die ermordeten Juden Europas und kein Museum.

NAUMANN: Es gibt jedes Jahr zahlreiche Gesetze, die nach kurzer Zeit wieder novelliert werden.Der Bundestag kann sich jedoch selbst korrigieren, seine Mitglieder können auf Grund veränderter Konstellationen auch neu überlegen.

TAGESSPIEGEL: Über was wird der Bundestag entscheiden?

NAUMANN: Das weiß ich nicht.Ich weiß nur, daß ich den Regierungsvorschlag zur Debatte stellen werden.

TAGESSPIEGEL: Im Augenblick gibt es drei an dem Wettbewerb Beteiligte: den Bund, das Land Berlin und den privaten Förderkreis.Wie wollen Sie die Interessen dieser unmittelbar Betroffenen berücksichtigen?

NAUMANN: Wie auch immer die Debatte im Bundestag vorbereitet wird, ob mit Anhörungen oder Diskussionsforen: am Ende wird der Bundestagspräsident jene Modelle dem Parlament zur Entscheidung vorlegen, die er - nach der Diskussion im Vorfeld - für die aussichtsreichsten hält.

TAGESSPIEGEL: Es könnte passieren, daß der Bundestag gegen den Vorschlag der Regierung stimmt.

NAUMANN: Selbstverständlich, dem hätten wir uns zu beugen.Es könnte sogar sein, daß der Regierungsvorschlag nicht einmal im Parlament zur Debatte gestellt wird, sondern bereits aufgrund von Geschäftsordnungsverfahren im Vorfeld ausscheidet.Dies wäre gewiß das Ziel einiger Abgeordneter, die eine Öffnung der Debatte vermeiden wollen.

TAGESSPIEGEL: Offenbar wird auch erwogen, zunächst nur eine Grundsatzdebatte über die Frage "Mahnmal - ja oder nein?" zu führen.

NAUMANN: Daß hier die Opposition eine Chance sieht, das ganze Projekt - Eisenman-Entwurf inklusive - zu verhindern, ist nicht auszuschließen.

TAGESSPIEGEL: In welchem Zeitraum soll die Entscheidung fallen?

NAUMANN: Ich hoffe sehr, daß wir einen Vorschlag unterbreiten können, der eine Entscheidung in der ersten Jahreshälfte 1999 möglich macht.Wenn die Debatten aber länger anhalten, müssen wir das alle gemeinsam aushalten.

TAGESSPIEGEL: Ein weiterer Vorwurf lautet, Sie hätten zum Beispiel das Land Berlin, oder diejenigen, die die Debatte in den letzten zehn Jahren maßgeblich geführt haben, nicht rechtzeitig und nicht genügend vorinformiert.

NAUMANN: Auch das ist nicht richtig.Ich habe mit Ignatz Bubis im Vorfeld gesprochen, mit Walter Jens, mit Michel Friedman und vielen anderen.Lea Rosh hat die Tür zur Debatte zugeworfen, indem sie mir wörtlich unterstellte, ich wolle mich über Tote profilieren.Aber wir werden irgendwann wieder sachlich reden können.

TAGESSPIEGEL: Bei Eberhard Diepgen, dem Regierenden Bürgermeister Berlins, haben Sie einen Termin im Januar.

NAUMANN: Mit Diepgen habe ich das Projekt bereits vor vier Wochen besprochen.

TAGESSPIEGEL: Der amerikanische Kulturwissenschaftler James Young, der vehement für die Realisierung des Eisenman-Entwurfs plädiert hat, wirft Ihnen vor, Sie hätten durch Ihre Ablehnung eines Mahnmals all jenen das Wort geredet, die sich - durch mißverständliche und weniger mißverständliche Äußerungen - zum Fürsprecher des Vergessens gemacht hätten.Zum Beispiel Martin Walser oder Rudolf Augstein.

NAUMANN: Augstein ist für seinen Tonfall selbst verantwortlich, seit 50 Jahren.Walser auch.James Young schließlich hat in einer amerikanischen Fachzeitschrift aus seiner Skepsis gegenüber der Machbarkeit eines solchen Denkmals keinen Hehl gemacht.Jetzt, wo ich seine Argumente teilweise aufgreife, mir vorzuwerfen, ich würde tendenziell einer Schlußstrich-Mentalität Tor und Tür öffnen, ist merkwürdig.

TAGESSPIEGEL: Gerhard Schröder hat nicht nur mit seiner Bemerkung für Aufsehen gesorgt, es müsse ein Mahnmal geben, wo man "gerne" hingeht, sondern auch mit der Feststellung, nun sei endlich die Zeit für eine öffentliche Mahnmal-Debatte gekommen.Nach zehn Jahren erbitterter Auseinandersetzung, nach Podiumsdebatten und Kolloquien eine erstaunliche Erkenntnis, finden Sie nicht?

NAUMANN: Es ist deutlich geworden, daß diese Diskussionsforen über die Feuilletons hinaus nicht ausreichend in der deutschen Politik und Gesellschaft rezipiert wurden.Ganz offensichtlich ist: Es gibt einen weitergehenden politischen Diskussionsbedarf.Und ein Museum, in das niemand geht, ist sinnlos.Ich wünsche mir in dieser Debatte auch ein wenig mehr common sense.

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