• Ein mutiger Verlag versucht, den Deutschen mit einer literarischen Edition Korea näherzubringen

Kultur : Ein mutiger Verlag versucht, den Deutschen mit einer literarischen Edition Korea näherzubringen

Alice Grünfelder

Wer kennt sie nicht: Daewoo, Samsung und Hyundai, koreanische Markennamen aus der Auto- und Elektroindustrie. Auch Nam June Paik ist aus der internationalen Kulturszene nicht mehr wegzudenken, und koreanische Filme haben sich einen festen Platz auf internationalen Filmfestspielen erobert. In der deutschsprachigen Leselandschaft hingegen fristet koreanische Literatur ein Schattendasein. Oftmals wirkt sie fremd auf den europäischen Leser, denn sie entwickelte sich in enger Beziehung zu den jeweiligen politischen Verhältnissen. Der Koreakrieg (1950-53) und die daraus resultierende Teilung des Landes als auch die traumatischen Aufstände gegen autoritäre Regimes prägen die koreanische Zeitgeschichte. Doch die allzu realistischen Darstellungen dieser wesentlichen historischen Erfahrungen irritieren zuweilen. Ländliche Idyllen und überlieferte Lebensweisen, wie sie in der traditionellen Literatur noch vorherrschten, werden mittlerweile in Frage gestellt, und zahlreiche Erzählungen muten dadurch erstaunlich modern an.

Die ganze Vielfalt der koreanischen Gegenwartsliteratur erschließt nun seit gut einem Jahr der Pendragon Verlag mit einer koreanischen Edition. Ein Autor dieser Reihe ist Yi Munyol (geb. 1948) - umstritten unter seinen Kollegen und beneidet um seinen Erfolg -, der mit einem umfangreichen Werk auch internationale Anerkennung erfährt. In seiner Parabel "Der entstellte Held" deckt er in einer Schulklasse komplizierte Strukturen auf, die aus Opfern Täter werden lassen und umgekehrt. Als eines Tages ein neuer Schüler kommt und versucht, den tyrannischen Klassensprecher herauszufordern, scheitert er jämmerlich. Denn die Opfer tragen mit ihrer Feigheit zur Aufrechterhaltung des Systems bei. Als der Klassenlehrer ausgewechselt wird und den Schülern die Chance gibt, sich am einstigen Tyrannen zu rächen, sind alle schnell bereit, den ersten Stein zu werfen. Nur nicht der Neue aus Seoul.

Yi Munyols Psychologisierung der Charaktere überzeugt durch seine knappe Sprache. Den Missbrauch der Macht analysiert er, ohne dogmatisch zu werden. Dadurch gewinnt der Roman an universeller Bedeutung. Yi Munyol ist ein Skeptiker, er misstraut einfachen Erklärungsmustern, und er misstraut dem Volk, denn er hat erfahren, wie verführbar die Massen sind.

Vor dem Hintergrund einer vom Krieg zerrütteten Dorfgemeinschaft inszeniert Kim Wonil (geb. 1941) in "Wind und Wasser" das Sterben eines schäbigen Anti-Helden. Yi Intae blickt kurz vor seinem Tod auf eine Vergangenheit voller Verrat zurück, Verrat auch an seinen Landsleuten, weswegen sie ihm die Ohren abgeschnitten hatten. Nun überkommt ihn die Angst, wegen seiner Missetaten in die Hölle zu wandern, weshalb er einen Geomanten mit der Suche nach einer günstigen Grabstätte beauftragt. Dennoch kommt er nicht zur Ruhe, denn sein Vertrauen in die Gnade des Feng Shi, der Welt von Wind und Wasser, ist erschüttert. Schließlich beichtet er dem Geomanten seine Missetaten und findet erst da einen gewissen Seelenfrieden. Die Natur spendet keinen Trost mehr, auch nicht die Dorfgesellschaft. Die traditionellen Werte sind zerstört und neue noch nicht auszumachen.

Soll man koreanisch denken lernen?



Manchen Werken aus der Edition würde man eine flüssigere Übersetzung wünschen, doch das Hauptproblem sei, so der Verleger Günther Butkus, dass es keine Übersetzungserfahrung gebe und auch keine literarischen Übersetzer. Immerhin sei mit den deutsch-koreanischen Gemeinschaftsübersetzungen ein Schritt in die richtige Richtung getan. Wie kann man überhaupt aus dem Koreanischen übersetzen, wenn es 241 verschiedene Ausdrücke für "lachen" gibt? Man muss eben nicht nur "koreanisch denken lernen", wie Reta Rentner, Koreanistin der Berliner Humboldt-Universität es fordert, sondern die Nuancen des Koreanischen so übertragen, dass sie auch im Deutschen spürbar werden. Wie unterschiedlich die Übersetzerinnen und Übersetzer diesen Herausforderungen gewachsen sind, zeigt sich in der Anthologie "Am Ende der Zeit".

Diese Erzählsammlung ist als Einstieg in die moderne Literatur Koreas unbedingt zu empfehlen und bietet einen guten Einblick in die Vielschichtigkeit der koreanischen Gesellschaft. Konflikte entzünden sich an der Diskrepanz zwischen traditioneller und moderner Lebensweise, die Natur verschwindet jeden Tag ein Stück mehr unter Golfplätzen und Containerstädten, und die Gesellschaft wird immer noch von den Schatten der Vergangenheit heimgesucht. Als "die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" charakterisiert der Literaturkritiker Kim Byong-IK diesen Zustand. Wie sehr Autoren und Literatur in Korea kommerzialisiert werden, bemängelt er in seiner Essaysammlung "Grenzerfahrungen" und trifft mit seinen kulturpessimistischen Betrachtungen gleichsam den Kern des hiesigen Verlagswesens: "Das Buch ist nichts anderes als eine Colabüchse. Der literarische Konsumartikel soll erfrischen wie ein kühlendes Getränk im Hochsommer."

Außerdem werde Literatur in Korea stets als Vehikel benutzt und diene ganz im konfuzianischen Sinne der Erziehung des Volkes. International könne sie aber nur sein, so Kim Byon-IK, wenn sie die Tiefen der menschlichen Seele auslotet und damit zugleich allgemein Menschliches zutage treten lässt. Nicht alle Titel der Edition werden diesem Anspruch gerecht. Man darf jedoch gespannt sein auf die Erweiterung des Spektrums, denn in Zukunft sollen vermehrt jüngere Autorinnen in die Reihe aufgenommen werden, die sich möglicherweise leichter über die Gängeleien des konservativen literarischen Establishments hinwegsetzen.

Grund für die mangelnde Rezeption koreanischer Literatur sei die Sprachbarriere, behaupten Koreanisten. Doch gleiches gilt für das Vietnamesische, Chinesische und Persische. Aus diesen Sprachräumen wird nur wenig mehr erfolgreich publiziert. Vielmehr finden alle Literaturen aus der "anderen" Hemisphäre nur wenig Eingang in Feuilletons. Günther Butkus ist trotzdem zufrieden mit der bisherigen Akzeptanz seiner koreanischen Edition. Weshalb sich vor allem kleine Verlage um diese Literatur kümmern, erklärt er mit den komplizierten Gesprächen, die vor Ort mit Autoren, Verlegern und Institutionen geführt werden müssen. Kaum ein großer Verlag könnte dafür die notwendige Zeit und Geduld aufbringen. Ihm steht dabei die koreanische Germanistin Chong Heyong zur Seite, die mit viel Einführungsvermögen Autoren akquiriert. Zwar werden die Übersetzungen von koreanischer Seite finanziell unterstützt, doch damit werden nicht einmal die Kosten gedeckt.

Die Edition Moderne Koreanische Autoren des Bielefelder Pendragon Verlages wurde auf der Leipziger Buchmesse von Ingo Schulze und Matthias Polyticki vorgestellt. Bisher sind 7 Titel erschienen. (24,80 DM bis 36 DM)

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