Kultur : Ein Nachlass ohne Nachlass

Steffen Richter

Nun hat also ein Mann die Tour de France gewonnen, der auf einem amerikanischen Inlandflug angeblich 28 Tüten Erdnüsse verdrücken kann und zwischen zwei schweren Alpenetappen ein Bierchen trinkt. Spektakulär. Damit wäre die Tour zu Ende und das Sommerloch da. Auch Dichter gehen in Urlaub. In diesem Jahr hält nur eine hochkarätig besetzte B-Jubiläums-Liga den Betrieb am Laufen. Zu der gehören Gottfried Benn (50. Todestag), Bertolt Brecht (50. Todestag), Thomas Bernhard (75. Geburtstag) und Samuel Beckett (100. Geburtstag).

Beckett weilte sechs Wochen in Berlin. Doch wenn andere Städte eherne Gedenktafeln anbringen, wo Goethe nur eine einzige Nacht im Gasthof abstieg, dann hat der irische Nobelpreisträger selbstverständlich die große Ausstellung „Obergeschoss still closed“ verdient. Bis in den September hinein zeigt das Literaturhaus (Fasanenstr. 23, Charlottenburg) die Spuren, die Becketts Aufenthalt in Berlin zwischen Dezember 1936 und Januar 1937 in seinen Tagebüchern, Briefen und Romanen hinterlassen hat (Tsp. vom 18.7.). Am 25. und 27.7. (jeweils 20 Uhr) werden außerdem SDR-Fernsehaufzeichnungen von Stücken (etwa „Geistertrio“, „... nur noch Gewölk“, „Not I“ oder „He, Joe“) gezeigt, die Beckett selbst inszeniert hat. Und am 26.7. (20 Uhr) kann man sein berühmtestes Drama „Waiting for Godot“ sehen, wie es eine amerikanische Gefängnis-Theatergruppe um Rick Cluchy 1988 in Paris inszenierte. Hier jedenfalls gilt: Obergeschoss always open.

Andernorts wird ein weiteres Schwergewicht der literarischen B-Liga geehrt. Das Brecht-Haus (Chausseestraße 125, Mitte) veranstaltet bis 28.7. eine Hommage an den „Alpen-Beckett“ Thomas Bernhard . Kaum ein deutschsprachiger Schriftsteller hat ähnlich stilbildend gewirkt wie er. Manch einer glaubt, um ein kleiner Bernhard zu werden, genüge: Man konstruiere ungewöhnliche Wortzusammensetzungen, spicke absatzlose Textblöcke mit enervierenden Wiederholungen, füge einen Wortschwall in indirekter Rede hinzu und garniere alles mit maßloser Übertreibung. Na ja, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Über die Wirkung Bernhards auf Gegenwartsautoren diskutieren Kathrin Röggla und Gregor Hens am 27.7. (20 Uhr). Schon am 26.7. (20 Uhr) geht es um ein besonders heißes Thema: Bernhards Nachlass. Bekanntlich hatte der Österreicher verfügt, dass in seinem gehassten Heimatland keines seiner Stücke aufgeführt und keines seiner Bücher vertrieben werden darf. Zudem sollte kein unpubliziertes Wort veröffentlicht werden.Wie man da an einer auf 22 Bände angelegten Werkausgabe arbeiten kann, erklärt ihr Mitherausgeber, der Leiter des Bernhard-Archivs, Martin Huber.

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