Kultur : Ein nahezu unbeschriebenes Blatt

Monochrome Bilder, Pfeiler aus Pressspan, Bluebox-Videos: Heimo Zobernig ist der Minimalist einer neuen Arte Povera

Michaela Nolte

„Heimo Zobernig c/o Galerie Anselm Dreher 10.2.–17.4.2004“ steht am unteren Ende auf dem ansonsten weißen DIN-A4-Blatt. Man könnte hinter einer solch lapidaren Einladung überzogene Selbstgewissheit vermuten. Doch bei Zobernig, den der Galerist als „fundamental bis auf den letzten Bodensatz“ beschreibt, zielt sie inmitten seines hintersinnigen Humors. Das nahezu unbeschriebene Blatt trotzt dem allgemeinen Bilderwüten ebenso wie das Werk des 1958 geborenen Österreichers insgesamt.

Zobernig verweigert sich dem Zwang zur permanenten Neuschöpfung und dem materiellen Wert der Kunst. So erscheint es nur konsequent, wenn die aktuelle Präsentation bei Dreher eine Kompilation aus ihrer nunmehr zwölfjährigen Zusammenarbeit zur Disposition stellt und die Ausstellung selbst als Kunst definiert. Gleich das Entree eröffnet mit einem Konzentrat der Schau von 1999: Vier monochrome Bilder aus Kunststoff auf Aluminiumrahmen stehen locker an eine Wand gelehnt. Sie ergeben einen installativen Block aus leuchtendem Blueboxblau, Videorot und Greenboxgrün (je 6000 Euro, Auflage 4 Exemplare). Eigentlich dienen die Kunststoffe in den so genannten Chromakey-Farben bei Filmaufnahmen als Hintergrund, um weitere Bilder einzumontieren. Zobernig macht sich die materiellen Qualitäten des Keyings einerseits in den Videos zu nutze, die auf einem Monitor zu ebener Erde laufen (je 400 Euro), andererseits lässt er mit dem Trägerstoff das Tafelbild als solches über seine Grenzen treten. Ebenso augenzwinkernd gehen das „Wandstück“ aus Pressspan und weißer Farbe (15000 Euro) samt zweier Bänke und drei „Falschen Pfeilern“ (Preise auf Anfrage) ein neues Kommunikations- und Beziehungsgeflecht ein. Der Rückgriff auf derlei arme Materialien, mit denen Zobernig das sublime Formenvokabular des Minimalismus konterkariert und weiterentwickelt hat, zündet an der Schnittstelle von Kunstmarkt und Baumarkt. Seine Prototypen unterminieren oberflächliche Verwertungsstrategien und verweisen radikal auf einen geistigen Gehalt von Kunst. Denn das jeweilige System bleibt gerade soweit kenntlich, dass eben doch der letzte Schliff fehlt und unmittelbar eine Leerstelle freisetzt, in der die Fantasie des Betrachters Raum finden kann.

Bei aller Lust am kunsttheoretischen Überbau und Vexierspiel, bestechen Zobernigs Arbeiten durch eine sinnlich-ästhetische Unmittelbarkeit und ihren unterschwelligen Witz. Wer mag kann sich auf der Bank niederlassen und in Katalogen stöbern. Wer dagegen lieber sieht als liest, kann aber auch ohne Sekundärliteratur darüber sinnieren, warum der Künstler bei den „Falschen Pfeilern“ den Sockel erst zum Kunstwerk erhebt und dann einen kleinen Rand unbemalt lässt. Die Wandfarbe ist ihm sicher nicht ausgegangen, aber Zobernigs Arbeiten funktionieren eben in beide Richtungen. Das hebt sie so erfrischend von Tendenzen wie denen der derzeitigen Berlin Biennale ab, bei der die Kunst auf eine didaktische Lehrveranstaltung reduziert wird.

Galerie Anselm Dreher, Pfalzburger Straße 80, bis 17. April; Dienstag bis Freitag 14–18.30 Uhr, Sonnabend 11–14 Uhr.

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