Kultur : Ein Nazi ist ein Nazi ist kein Nazi

ROBERT RIMSCHA

In Schwarzweiß kommt das handtellergroße Hakenkreuz besonders gut.Es ist Nacht, Held Derek ist gerade heftig mit seiner Freundin im Bett zugange, da wollen zwei Schwarze draußen seinen Wagen stehlen.Derek schnappt seine Hose und den Revolver, rennt vors Haus und rächt sich, tödlich.Die Nacht ist schwarz, der Held sehr hell, das Hakenkreuz düster, auf durchtrainierter nackter Brust, so schwebt er in slow motion zur Exekution.Das sind Bilder, die als Ouvertüre gleich schaurig-schönes Entsetzen bezwecken.

Er ästhetisiere den Faschismus, lautet ein Vorwurf gegenüber Tony Kayes neuem Film "American History X".Denn "nicht häßlicher, sondern schöner" werde die Gewalt durch ihre Inszenierung, hat der Kritiker der "Washington Post" geschrieben und dem Film "eine visuelle Liebe zu Nazi-Stilen und -Prahlereien" bescheinigt.Die "New York Times" meint, "American History X" bediene sich eines "poetischen Ersatzidioms aus Videos und Werbung", um sich intellektuell wie moralisch über eben jene Gewalt zu erheben, die zuvor so ausgiebig ausgeschlachtet wurde.Als wäre dies nicht schon genug publizitätsfördernder Rumor, hat sich Regisseur Tony Kaye von der vom Produzenten veröffentlichten Schnittfassung auch noch lautstark und in Anzeigenserien distanziert.

Edward Norton spielt Derek.Er spielt ihn als klassischen Helden, der selbst rassistischste Ansichten mit heldenhafter Pose und in sprachmächtiger Prosa verkündet.Vor allem aber wird Derek als ein Held vorgeführt, dem am Ende aus eigener Kraft die Läuterung gelingt."American History X" ist ein Film, der freilich besser beschreibt, wie aus weißen Jungs Nazis werden, als daß er erklärt, wie aus bösen Nazis gute Ex-Nazis werden.Zur eigenen Rechtfertigung aber braucht der Film jene Wendung des Bösewichts zur Identifikationsfigur.

Und das alles in Amerika.Besucher aus Deutschland sind erstaunt, wenn sie dieser Tage in den Zeitungen oder auf Plakaten den kahlrasierten Schädel und tätowierten Oberkörper von Derek präsentiert bekommen, stets mit dem riesigen Hakenkreuz als Blickfang.In dem von David McKenna geschriebenen Film wird mit Hitlergruß salutiert, der Führer selbst hängt in Öl mit gestähltem Gesicht an der Wand, Reichskriegsflaggen und Propagandabanner dekorieren Teenager-Zimmer, Goebbels, Himmler und Dönitz nehmen hier als Pin-ups die Plätze von Travolta, Michael Jackson oder Metallica ein.

Insignien des Faschismus sind in den USA nicht verboten, Nazipropaganda darf gedruckt, der Holocaust ungestraft geleugnet, "Heil Hitler" öffentlich gerufen werden.So will es Amerika: als Preis der Freiheit.In der "New York Times" erschien gerade ein Beitrag, der die deutschen Ermittlungen gegen Jean Marie le Pen in Sachen Auschwitzlüge mit Empörung quittierte.Freedom of speach soll auch das Leugnen freiheitlicher Werte verteidigen und aushalten.

Zwei Brüder kämpfen sich in "American History X" durch die Wirrungen des Hasses.Derek ist der Ältere.Seinen Vater, einen Feuerwehrmann, haben schwarze Drogenbosse erschossen, als er in ihrem Revier ein Feuer löschte.Tränenerstickt und vor laufenden Fernsehkameras hält Derek seine erste Haßtirade.Dennoch beginnt alles ganz harmlos.Derek erstreitet sich mit seinen weißen Basketball-Kumpeln den Platz am Strand von Venice, einem Vorort von Los Angeles: sportlich fair, durch den Sieg über eine schwarze Gang, die erst foulspielt und nach der Niederlage das Feld räumen muß.

Derek, der Dunking-King, wird Derek der Nazi.Ein alter Schurke (Stacy Keach) benutzt ihn als charismatischen Jungführer.Supermärkte von Asiaten, die illegale Einwanderer aus Lateinamerika anstellen, werden plattgemacht.Für seine bestialische Rache an den schwarzen Autoknackern landet Derek schließlich im Knast - drei Jahre Reue, Reifung, Erlösung folgen.Derek bricht mit dem Nazi-Plebs und der graubraunen Eminenz im Hintergrund.Er widmet sich der Rettung seines kleinen Bruders Danny (Edward Furlong), der als verstörtes Kind den typischen Mitläufer mimt.Danny schreibt als Hausarbeit Dereks Lebensgeschichte - eine Sonderaufgabe, die ihm sein (schwarzer) Lehrer unter dem Titel "American History X" verordnet hat.Um Dannys Seele zu retten.Das Ende ist dennoch tragisch, Danny, den sein Bruder nach der Haftentlassung von der Rassistengang gerade losgeeist hatte, wird in einem weiteren Racheakt von einem schwarzen Kid auf der Schultoilette erschossen.

So setzt sich Amerika mit einem Phänomen auseinander, das doch eigentlich, dachten wir auf den ersten Blick, ein deutsches ist.Und dies mag der Punkt sein, der an "American History X" am meisten verstört: In Amerika, so lautet die Botschaft des Films, gebe es für rechtsradikale Gesinnungen immerhin Anlässe.Dereks Vater wiegelt gegen den Geschichtslehrer der Söhne auf, weil der statt Melvilles "Moby Dick" plötzlich Richard Wrights "Native Son" vorschreibt - einen afroamerikanischen, naturalistischen Roman über die Kraft der Selbsterfüllung, die in Rassenklischees steckt.Der deutsche Betrachter lernt: Kriminalität und Drogen in schwarzen Milieus, bevorteilende Quotenregelungen für Farbige, das Umschreiben des intellektuellen Kanons - Amerikas Weiße, zumindest aus der Mittelschicht, sehen materielle und kulturelle Gründe, wenn sie sich vom Liberalismus bedroht fühlen.

Im alltäglichen Bandenkrieg von Venice Beach in Los Angeles wird aus der realen Auseinandersetzung eine potentiell tödliche.Laut "American History X" wachsen US-Kids in Schulen auf, die, wenn sie denn in Großstädten liegen, von schwarzen und hispanischen Gangs beherrscht werden - und dagegen steht eben die weiße Gang, die sich mit Skinhead- oder Nazi-Emblemen behängt.Ami-Nazis sind keine Frustgewächse, sie reagieren auf Reales, nicht auf Phantasmen.In Deutschland ist Ausländerhaß am verbreitetsten, wo Ausländer am seltensten sind.In Amerika sind es meist ebenfalls ländliche Gegenden fernab der Migrationszentren, wo sich rechte Milizen organisieren - sei es in Montana bei den "Freemen" oder in Oklahoma bei den Anhängern der "Turner Diaries", bei Menschen wie Timothy McVeigh, dem 168-fachen Mörder, der in Oklahoma City die Bombe zündete.

"American History X", produziert von Steve Tisch, der für "Forrest Gump" verantwortlich war, zeigt es anders.Hier ist der Rassenkrieg real.Hier herrscht der pure Sozialdarwinismus der Ethnien.Amerikas Integrationsphilosophie der 60er Jahre hat den schwarzen Mittelstand geschaffen.Wer in der Welt von "American History X" lebt, kennt solche Träume nur aus der Eltern- und Lehrergeneration.Den Alltag prägen jene 40 Prozent aller schwarzen US-Männer, die im Knast, auf Bewährung frei, unter Anklage oder im offenen Vollzug sind.Derek glaubt zwar nicht ernstlich, was er als Frage formuliert - ob es bei Farbigen ein kriminelles Gen gebe - er glaubt aber an die Notwendigkeit der Verteidigung.Das Schlachtfeld, das deutsche Neonazis sich mitunter herbeiwünschen und das sie gegen Türken und Linke, Schwule und Schwarze herbeiprügeln - in Dereks Venice ist es Realität.

Dies entwertet den Film nicht, schmälert aber die Überzeugungskraft seiner Kehrtwende."American History X" erklärt fabelhaft, warum US-Kids Nazis werden - eben deshalb bekam der Film in Amerika sofort das lobende Etikett "umstritten" aufgeklebt.Warum aber ein einzelner schwarzer Mithäfling, ein nett-naiver Sprücheklopfer, den Nazi Derek in einen Geläuterten zu verwandeln vermag, kann "American History X" nicht erklären.Da bricht zu jäh ein versöhnender Humanismus durch, von dem zuvor behauptet wurde, daß er keine Überlebenschance habe.So scheitert dieser Film vor allem an seinen eigenen Widersprüchen."American History X" erliegt der Faszination durch Gewalt und beschwört Demagogien, ohne die Distanz zum Geschilderten mit mehr als ein paar emotionalen Drückern und moralisierenden Erzähltönen aus dem Off glaubhaft zu machen.

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