Kultur : Ein nettes Gruseln in der netten Stadt

GABRIELE VON ARNIM

Gediegenes Schweigen und einiges Hin- und Hergetrete auf wartenden Füßen. Der Präsident soll kommen. Der Bundespräsident. Herzog hieß er damals noch. Er soll kommen, um ein Buch vorzustellen. Mit Beiträgen zu der Rede, die er in Berlin gehalten hat. Jetzt sind wir in Bonn, und hier wird immer irgendein Buch vorgestellt. Mal sagt Geissler, daß Ehmke gut geschrieben habe, dann sagt Fischer Ähnliches über Geissler und Kissinger über Genscher oder vielleicht auch umgekehrt. Heute ist der Präsident dran. Ein Ruck, hat der Präsident in Berlin gesagt, ein Ruck möge durchs Land gehen, und alles werde gut. Und schon ist ein Ruck durch einen Verleger und durch einen Herausgeber gegangen, und sie haben ein Buch gemacht. Das Buch zur Rede.

Und dann kommt er. Der Präsident. Aus einer anderen Tür als vorgesehen. So überrascht er einen doch immer wieder, nicht wahr. Unter dem Kronleuchter in der Halle steht ein großer Tannenbaum, der mit roten Kugeln und Strohsternen geschmückt ist. Und dort steht auch der Verleger und liest seine Worte ab. Wichtige Worte. Er lobt den Präsidenten und sich und sagt, wie glücklich er sei, daß der Herr Präsident eine so wichtige Rede gehalten habe, der der Verlag nun ein so wichtiges Buch folgen lassen könne, an dem wichtige und bedeutende Autoren mitgearbeitet hätten. Die roten Kugeln glänzen und wir bekommen ganz schwere Füße beim Rumstehen in so viel Wichtigkeit. Und ein stolzes Herz. Wir seufzen. Das, sagen wir uns, das wird man vermissen in Bonn. So ein Ereignis.

Und dann setzen wir uns in die schöne Poppelsdorfer Allee unter die rot und weiß blühenden Kastanien - wir haben jetzt gerade einen Zeitsprung gemacht, weil doch der Umzug naht und wir nun wirklich wissen wollen, wie Bonn denn sein wird, wenn es die Bonner Republik nicht mehr gibt. Wir sitzen also in der Poppelsdorfer Allee, oben das Schloß und unten der Bahnhof, sitzen auf einer weißen Holzbank in der Sonne, sitzen so ganz beschaulich bonnlich und wären kein bißchen erstaunt, wenn jetzt gleich ein Kurfürst oder Reichsgraf oder irgendeiner dieser Herren aus den Schulbüchern von früher auf einem Rappen oder auch einem Grauschimmel vom Schloß herangesprengt käme und in Richtung Bahnhof wieder verschwände. Ohne natürlich zum Bahnhof zu reiten, denn was soll so ein Herr mit Pferd im Zug und wohin sollte er fahren? Er gehört nach Bonn. Denn so ist Bonn. Daß ein vorbeisprengender Graf auf einem Grauschimmel einen nicht wirklich erstaunen würde. Hier haben auch alle Studenten blankgewaschene Backen. Und das riecht man in Bonn. Berlin riecht anders. Die Republik wird sich verändern in Berlin, wo ja bekanntlich die Gemütlichkeit aufhört, wenn Regierung und Parlament von dort aus über Land und Leute und Krieg und Frieden entscheiden werden, wenn die Republik dort einzieht und loswächst und zur Berliner Republik mutiert. Bonn ist sehr klein. Immer, wenn man hochguckt, sieht man schon die Hügel, die Bonn umrahmen. Sie sind hübsch und grün. Nur ein bißchen zu nah. Zu nah, um den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. Hier ist seit fünfzig Jahren deutsche Politik gemacht worden. Von Leuten, die vielleicht gedacht haben, daß die Welt genau so sei wie die, die sie vor der Nase hatten. Hügel, Fluß und Bäume, lauter saubere Leute, kaum Vandalen, gepflegte Straßen und gepflegte Ausländer, Diplomaten halt, Villen, Lokale, gute Weine und Biergärten mit Rheinblick. Und viel Geld. Das man hier und da trifft, weil es hier und da herumsteht. Zum Beispiel als Gattin. Mein Mann ist in der Wirtschaft, sagt eine Frau und trinkt ihren Sekt in kräftigen Schlucken, mein Mann ist in der Wirtschaft, sagt sie und guckt bedeutend. Und wir fragen uns, wo wir sind. Und wo wir sein werden, wenn es die schönen Empfänge nicht mehr gibt, mit all diesen spannenden Leuten.

Und was treiben Sie so im wirklichen Leben, fragt man einen, der zufällig gerade neben einem steht und mit dem man doch wohl aus reiner Höflichkeit irgend was reden müßte, und der verbeugt sich leicht und sagt, daß er ein höherer Beamter sei. Höherer Beamter sagt er und lächelt ein wenig von da oben, wo er Beamter ist, auf uns herab. Der zieht jetzt auch nach Berlin. Und seine Frau geht mit. Wie sie auch schon mit ihm nach Bonn gekommen ist. Aus Gelsenkirchen. Wir haben uns nach Bonn hochgearbeitet, sagt sie. Sie wird fehlen in Bonn. Die nun wirklich. Denn sie war gewiß zweimal in der Woche beim Coiffeur. Zum Frisieren für die Empfänge. Kopf hoch, wird sie sich gesagt haben. Und das in einer enthaupteten Stadt. Früher, wenn man am Bahnhof ankam, grüßte die Bundeshauptstadt Bonn auf einem großen Schild den Besucher. Heute grüßt einen die Bundesstadt Bonn. Das Haupt ist weg. Bund bleibt. Ein bißchen Bund muß sein. Schließlich bleiben auch noch Ministerien hier. Ein wenig blutet Bonn aus dem Hals, von dem man das Haupt abschlug.



Gegenüber von unserer weißen Bank singen Korpsstudenten auf ihrer Terrasse. Sie sitzen auf geschmiedeten Geländern und trinken Bier aus Flaschen. Kein Kurfürst in Sicht. Alte Paare schlurfen auf den Wegen, Kinder und junge Hunde spielen auf dem Rasen. Es ist richtig nett hier. Eine Idylle. Eine Oase für Selbstmörder. Man muß nicht einmal Hand an sich legen, weil man von ganz allein eingeht. Dazu braucht man keinen Kanzler und nicht einmal einen Bundespräsidenten. Die Innenstadt ist eng. Eine enge Fußgängerzone. Und unentwegt Kleinstadtremmidemmi. Jeden Sonntag irgendein anderer Rummel mit Blasmusik auf dem Rathausplatz. Und im Laden gibt es den Pullover Modell Fledermaus. Von Berlin aus, hat der Kanzler gesagt, von Berlin aus werde sich Deutschland besser modernisieren lassen. Nachtreten gilt nicht, möchte man ihm zurufen. Das arme Bonn. Oder?

Man muß vergessen und vergessen werden, sagt gerade eine Frau im Radio. Keine Ahnung, wovon sie spricht oder zu wem. Von ihrer Mutter vielleicht oder von ihrem verschwundenen Liebhaber. Aber sie könnte auch Bonn gemeint haben. Ja, es ist, als spräche sie von Bonn. Von einer Liebe, die zu Ende ist und die man sich nun aus dem Herzen reißen muß. Und sie doch nicht zu fassen kriegt. Und wie bitte soll man das, was man sich da auszureißen versucht, nur in Berlin wieder einpflanzen? Wir sitzen noch immer an der schönen Allee und nicken der Frau zu. Kleinstadt bleibt Kleinstadt, rufen wir, und klein ist auch die Welt im unendlichen Kosmos, und der Kopf wird uns ganz jenseitig. Wie wird es sein im Jenseits? Jenseits des Umzugs; im Bonn danach?

Menschen, so hören wir, wollen heutzutage ihre Lebensgeschichten in Rechner kopieren, um in den Chips weiterzuleben. Das hat Bonn nicht nötig. Bonn wird nicht sterben. Bonn wird leben. Mehr denn je. Berliner Republik heiße, hat mal einer geschrieben, wir sind nicht mehr das doofe Bonn, und der Kanzler Schröder hat es offenbar geglaubt. Deshalb hat er ja gesagt, von Berlin aus könne man Deutschland besser modernisieren. Kein Wunder, daß in Berlin die Gemütlichkeit abhaut. Wo soll sie denn hin, wenn alles modern wird. Was immer modern heißen soll. Und wo immer es hinführen wird. Modern ist nicht mehr fraglos gut. Die Zeiten sind längst vorbei. Manchmal ist doof besser als modern. Schon allemal für die Gemütlichkeit. Die muß weg, wenn im Spreebogen die Schlauheit sich schlängelt. Also: Ab in die Verklärung. Ins False Memory Syndrome. Und Bonn wird das, was es niemals war, wird zum Ort der Sehnsucht. Weil dort alles so blieb, wie es in Berlin und auch sonst in der Welt nicht mehr ist. Gedeihlich. Das will man sehen. Alle wollen hin. Jedenfalls mal zu Besuch. Es war einmal, sagen die Leute und denken nicht mehr an Grimmsche Märchen, sondern an Bonn. Die Stadt wird zum Event, zum Erlebnisort, wird Popkultur, made in Germany. Kommen Sie dorthin, wo es immer noch doof ist, könnte die Stadt für sich werben, und in ganz vielen Herzen würden kleine Blumen aufblühen. Die Leute kämen. Die Deutsche Bahn würde Sonderzüge einsetzen von Berlin nach Bonn. Im Nostalgiezug nach Bonn. Ein Riesenerfolg. Die Münchner werden schon eifersüchtig.

Ach, wird das schön sein. Ein Bonn ohne Republik. Einfach Bonn. Da kommen die Touristen und staunen. Und irgendwann steht Kanzler Schröder in Bonn, zermürbt von all der Modernität, die er Deutschland von Berlin aus gebracht hat, setzt sich zu uns auf die weiße Bank in der Allee, unter die Kastanien, deren Blüten der Wind verweht, und wundert sich. Wenn er das Wundern bis dahin nicht verlernt hat, weil es unmodern geworden ist.

Die Jahrtausendwende feiert alle Welt in Bonn. Auch die Welt aus Berlin. Was fot is, is fot, singen die Bonner. Alle sind lustig. Und die kleinen Kinder fürchten sich. Mäuse rennen, und Ratten zwinkern. Die Korpsstudenten singen am lautesten. Und schwenken Fahnen. Folklore muß sein. Folklore ist gut für den Tourismus.

Im Fernsehen diskutieren Expertenrunden die fundamentale Frage, ob Bonn Symbol ist für vergangene oder womöglich Beispiel für zukünftige Lebensmodelle. Ob hier museal verstaube, was einmal lebbar war, es aber nie wieder sein werde, weil ja die Globalisierung gänzlich andere Voraussetzungen schaffe. Gänzlich, sagen die Experten. Wofür die Globalisierung Voraussetzungen schaffe, sagen die Experten allerdings nicht, und keiner sagt, wofür er Experte sei, aber von Globalisierung reden sie alle. Haben den Mund voll von dem Wort und spucken es aus wie andere Leute Kirschkerne, die sie abgelutscht haben. Nein, ruft eines Tages ein neuer Experte, alles wird ganz anders als alle anderen sagen, Bonn ist nicht nur Kleinod, Bonn ist Überlebensmodell, ist unsere deutsche Arche Noah, die den Untergang dieser Welt übersteht und Rettung ist für die nächste. Nur was altmodisch ist, ist auch modern, sagt er. Nur das Damals hat Zukunft. Es kriegt eine Schlagzeile in der "Bild Zeitung" und dann in der "New York Times". Arche Noah Bonn.

Alle Welt fährt nach Bonn. Jetzt auch die Welt aus New York und Chicago. Die Leute wollen dorthin, wo die Kulisse noch echt ist. Oder jedenfalls fast. Man sollte schon einen der Schauspieler des Stadttheaters anstellen und als Reichsgraf oder Kurfürst herumsprengen lassen. Kann ja nicht schaden. Ein bißchen Event darf sein. Aber nicht zu viel. Hauptsache ist, daß es gemütlich ist. Und die Fassaden stimmen. Hinter denen manche Besucher Unrat vermuten. Bei so viel Sauberkeit. Da wird gesudelt, flüstert einer dem anderen zu. Hinter Fassaden wird immer gesudelt. So ist der Lauf der Welt. Je heller die Fassade, desto dunkler das Gesudel. Und sie gruseln sich ein wenig in der netten Stadt. Ein nettes Gruseln ist das. Auch in der Arche Noah, sagt einer, habe es Intrigen gegeben und Inzest, Verrat und liederliche Verhältnisse. Er schreibe gerade ein Buch darüber. Habe die Sache seit Jahrzehnten recherchiert. Aber in Bonn bleibt es ruhig. Die Bonner lächeln. Und mittags riecht es nach Essen in Bonn, weil in Bonn mittags noch in den Häusern gekocht wird. Da staunt die Welt, die nach Bonn kommt, um zu sehen, wie die Welt war und irgendwann wieder sein wird.

Eines Tages kommen die Disneyleute nach Bonn, kriegen glänzende Augen bei dem, was sie sehen, Gier darin, Profitgier. Bonn sagen sie, mit halb offenem "o", Bonn, rufen sie, und die Bürgermeisterin kriegt offene Ohren. Verhandelt mit den Herren aus Orlando. Disney will Bonn, meldet die Tagesschau. Und dann verkauft Bonn die Rechte an sich. In Orlando soll Bonn jetzt nachgebaut werden, später auch in der Nähe von Paris. Weltweit sollen lauter Bonns entstehen. Bonn wird zum deutschen Exportschlager an sich. Und das war es nie, das nun wirklich nicht, als die Regierung noch da war.

Gabriele von Arnim lebt als Journalistin und Schriftstellerin in Bonn und hat zuletzt den Erzählungsband "Mathilde unverrückbar" veröffentlicht.

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