Kultur : Ein Ohr für Jacques Brel

KNUD KOHR

Dominique Horwitz ist gut erzogen.Kaum hat die Kollegin ihr Interview beendet, erhebt er sich federnd und dankt für die interessanten Fragen.Eine einzige elegante Bewegung reicht ihm, ihr in den Mantel zu helfen und sie in den Gang der Manzini-Bar zu geleiten.Mit einem professionell charmanten Lächeln bittet er den nächsten Gesprächspartner an seinen Tisch, um über sein Gastspiel mit Jaques Brel-Chansons in der "Bar jeder Vernunft" Auskunft zu geben.Nach großem Erfolg in Hamburg wird er sie ab 1.Oktober vier Wochen lang in der "Bar jeder Vernung" singen.

Dominique Horwitz ist auch sensibel.Nach zwei Fragen bricht er ab.Er winkt dem Kellner und bittet darum, einen Bierdeckel unter den Fuß des Tisches zu klemmen.Das ständige Wackeln stört ihn in seiner Konzentration.Sogar sein Cappuccino vibriert.Dominique Horwitz ist Schauspieler.1957 wurde er als Sohn deutscher Eltern in Paris geboren.Neben einem französischen Paß hat ihm das auch einen leichten Akzent eingebracht.

Als die Familie 1971 nach Berlin zurückkehrte, arbeitete er zunächst als Verkäufer im KaDeWe."Um mein Leben habe ich mir damals keine ernsthaften Gedanken gemacht", sagt er."Das begann erst mit der Schauspielerei." Die Schauspielerei wiederum begann mit einem Zufall - ein Freund empfahl ihn für eine kleine Fernsehrolle.Vom Fleck wurde der damals 19jährige in die Serie "Eine Jugendliebe" engagiert."Zufälle haben in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt", sagt Horwitz."Allerdings treten sie immer erst dann ein, wenn ich mir über eine Sache lange genug Gedanken gemacht habe."

Er spielte Theater in Hamburg und München, arbeitete mit Jürgen Flimm, Peter Zadek und Katharina Thalbach zusammen.Zahlreiche Rollen bei Fernsehen und Film - unter anderem in "Stammheim" und "Stalingrad" - schlossen sich an.Wem der Mime dabei nicht durch seine Schauspielkunst auffiel, der erinnerte sich zumindest an seine Ohren, die raumgreifend und krebsrot aus dem braunen Schopf hervorragen.

Dominique Horwitz ist aber auch Sänger.Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr ist er fasziniert von den Chansons Jacques Brels, des exzessiven belgischen Komponisten und Interpreten, der 1978 im Alter von nur 49 Jahren an Lungenkrebs starb und dessen Stücke wie "Ne me quitte pas" oder "Bruxelles" seitdem von so vielen nachgesungen wurden.über siebenhundert Lieder umfaßt sein Gesamtwerk, und Horwitz behauptet, sie alle gehört zu haben."Brel erzählt von Liebe, Tod, Abschied, Verrat, Betrug, Verzweiflung.Die großen Themen also, die einen Menschen in seiner Jugend am meisten interessieren." Da er damals Akkordeonspielen lernte, begann er bald, die Brel-Chansons beim Üben zu singen.Auf einem Fest im Münchener Residenztheater brachte Horwitz sie Jahre später zum ersten Mal selbst im Kollegenkreis zu Gehör.Der Intendant war begeistert und organisierte ihm 1984 einen ganzen Brel-Abend im Marstalltheater.Nach der Premiere stellte sich das Gefühl ein, "erstmals etwas Großes vollbracht zu haebn".Zwei Jahre lang sang er dieses Programm immer wieder, zuletzt im Hamburger Thalia-Theater.

Obwohl ihn die Presse dafür feierte, sang Horwitz - wenn überhaupt - zehn Jahre lang nur noch andere Lieder.In Hamburg zum Beispiel den Stelzefuß im "Black Rider".Oder Songs aus der "Dreigroschenoper", von denen er sagt: "dieses Programm war eine reine Auftragsarbeit.Die Songs selbst haben sich mir nie aufgedrängt.Die Herausforderung bestand eher darin, alles für nur zwei Musiker umzuarrangieren und mit dieser kleinen Besetzung auf der Bühne zu bestehen."

Im Herbst vergangenen Jahres brachte Horwitz in Hamburg ein neues Brel-Programm heraus."Der Abend entstand nicht - wie beim ersten Mal - rein lustbestimmt.Diesmal hat mich das schiere Bedürfnis zu einer neuen Produktion getrieben.Und mit dem Bedürfnis, mit dem Wissen um Brels Werk wächst natürlich auch die Verantwortung.Die Vorbereitungen liefen diesmal viel akribischer als damals, wo ich mich im Grunde nur auf die Bühne gestellt und losgesungen habe." Im Gegensatz zu Brel, der sich von Orchester mit bis zu vierzig Musikern begleiten ließ, tritt Horwitz mit einer nur fünfköpfigen Band auf.Auch diesmal wurde er wieder hoch gelobt.Horwitz befinde sich zielsicher in der Spur des unvergleichlichen Meisters, war in Kritiken zu lesen.

Stört es eigentlich seine Eitelkeit als Künstler, wenn das höchste Lob in der Presse darin besteht, ihn als "authentischen Interpreten" zu bezeichnen? Horwitz schüttelt so entschieden den Kopf, daß sein Cappuccino erneut ins Vibrieren gerät."Der bloße Vergleich mit Brel ehrt mich, weil er der Größte ist.Kommt man nur in die Nähe, ist das Kompliment genug.Außerdem glaube ich nicht, daß ich ein Kopist bin.Brels Chansons kann man nicht einfach nur singen, man muß sie für die Zeit des Liedes auch darstellen.Und da kommt mir natürlich zugute, daß ich Schauspieler bin.Ich liefere meine eigene Interpretation, und es würde mir nie in den Sinn kommen, zum Beispiel anhand alter Fernsehaufnahmen Brels Auftritte einfach nachzustellen."

Im Spiegelzelt wird er nun wieder seine Lieder singen und die dazugehörige CD promoten.Eine weitergehende Tournee hat er nicht geplant."Dieser Abend gefällt mir so gut", sagt er, "daß ich ihn hegen und pflegen werde.Zuviel Routine wirkt da nur kontraproduktiv".Stattdessen geht er lieber in einen längeren Urlaub.Und welchen Zufall wünscht er sich als nächstes in seinem Leben? "Ich würde gern ein Theaterstück produzieren.Und da ich schon lange intensiv darüber nachdenke, kann es sein, daß der Zufall bald eintritt."

Dominique Horwitz weiß, wie man im Interview-Terminplan bleibt.Die erste längere Gesprächspause nutzt er, um mit einem aufmunternden Nicken für die interessanten Fragen zu danken.Dann lächelt er den nächsten Kollegen an den Tisch.

Dominique Horwitz singt Brel.Bar jeder Vernunft, 1.bis 25.Oktober, täglich außer montags, 20.30 Uhr

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