• Ein packendes und realistisches Kinderbuch erzählt, wie die Berliner Mauer das Leben zweier Mädchen veränderte

Kultur : Ein packendes und realistisches Kinderbuch erzählt, wie die Berliner Mauer das Leben zweier Mädchen veränderte

Beate Offrich

Feine Pinkel ziehen in die Bernauer Straße, mit seidenem Lampenschirm und Glasvitrine, Dinge, von denen Ritas Mutter nur träumen kann. Ritas Vater ist Lkw-Fahrer und selten daheim, die Mutter zieht ihre vier Gören mit wenig Geld, aber viel "Herz mit Schnauze" groß. Misstrauisch beäugt Rita Blitzner die neue Familie. Vor allem das Mädchen im gleichen Alter mit straff geflochtenen Zöpfen und Schleifen im Haar stößt bei ihr auf Ablehnung: turnt sie doch selbst lieber mit Zottelhaaren und Hosen in Papas Garage herum. Zu allem Überfluss wird das feine Püppchen nicht nur Ritas Banknachbarin in der Schule, sondern seine Mutter wird auch noch ihre Klassenlehrerin! Rita setzt alles daran, das Haus am Morgen zu anderer Zeit zu verlassen und nimmt lieber Verspätungen in Kauf, als den Nachbarn über den Weg zu laufen. Annette, die "Neue", fühlt sich dagegen totunglücklich in Berlin, denn sie musste wegen Vaters Anstellung an der Oper Haus und Garten gegen diese finstere Stadtwohnung eintauschen. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als so schnell wie möglich Anschluss zu finden.

Noch wissen beide Mädchen nicht, dass ihre Betten Wand an Wand stehen und man fast das Herzklopfen der anderen zu hören vermag. Es dauert ein wenig, bis sie in Carmen Blazejewskis Roman "Hauptsache, du bist meine Freundin" zueinander finden. Erst Vater Blitzners neuer Fernseher führt beide Familien zusammen: kann man sich nun doch gemeinsam die Erdumrundung Gargarins, von der Annettes Mutter in der Schule so viel erzählt hat, anschauen. Das Eis ist gebrochen. Ob Mäusezucht oder Milch holen, alles erledigen sie nun gemeinsam. Die Mädchen werden unzertrennlich und schlafen nicht ein, bis sie ihr gegenseitiges Klopfzeichen an der Wand gehört haben.

Carmen Blazejewski hat in ihrem dritten Kinderbuch eine besonders innige Mädchenfreundschaft beschrieben, die auch dann nicht ins Wanken gerät, als in den Sommerferien Panzer auffahren, Stacheldraht aufgerollt und der Vordereingang des Hauses zugemauert wird. Über Nacht ist die Straße in zwei Hälften gespalten, eine liegt im West-, die andere im Ostteil der Stadt. Als Ritas Vater sich mit der Familie in der Folgenacht aus dem Fenster abseilt, ist die Trennung vollzogen. Den Mädchen bleibt nur noch das Winken, denn "Winken kann nicht geteilt werden. Winken gilt für alle, die es sehen." Die historische Entwicklung beendet die Freundschaft. Es wird 28 Jahre dauern, bis beide Frauen sich wiedersehen.

Nicht besser hätte die Geschichte von Ost und West für die bereits ohne Mauer Großgewordenen erzählt werden können, nicht anrührender und doch absolut realistisch. Die Lektüre hilft, verbliebene Mauerstückchen den Nachgeborenen zu erklären, wirft aber gottlob auch nicht neue Gräben auf, sondern erleichtert das Verstehen: wie es damals zu der zweigeteilten Stadt gekommen ist.Carmen Blazejewski: Hauptsache, du bist meine Freundin. Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1999. 160 S. , 19,80 DM. Ab 10 Jahren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar