Kultur : Ein Panorama - doch keine Pointe

HERMANN RUDOLPH

Man lernt hinzu in einem langen Fontane-Gedenkjahr.Daß der Dichter Bismarck, seinen Zeit- und Todesjahr-Genossen, den "Schwefelgelben" genannt hat, weiß nun, nach vielen Lesungen, Würdigungen und Dokumentationen, fast jeder - und so braucht man nicht überrascht zu sein, wenn die Fontane-Ausstellung des Stadtmuseums Berlin im Märkischen Museum den Besucher mit einem gelb getönten Raum empfängt.Die Eröffnungs-Geste ist nicht mißzuverstehen: das vertraute Bild des Dichters in der Sichtachse, dazu an der Frontseite die Apotheose des deutschen Kaiserreichs 1871, von Anton von Werner in schöner Überdeutlichkeit als "deutscher Beruf Preußen" ausgemalt, als Abschluß dann Potsdamer Platz und Jannowitzbrücke, Signaturen des Berlins am Jahrhundertende."Fontane und sein Jahrhundert" heißt das Thema.Der Gelb-Ton, der Unterton materialisiert sich übrigens erst ein paar Räume weiter, da hat Fontane Jugend, 48er-Revolution und die glücklose Zeit im Staatsdienst schon hinter sich: Inmitten der Bilder des preußischen Schlachten-Ruhms hängt da das Lenbach-Porträt Bismarcks, sozusagen der Kontrapunkt, das eigentliche Gegenbild zu Fontanes Porträt am Anfang.

Die Aufgabe der Ausstellung ist leicht und schwierig zugleich.Das Interesse für Fontane liegt sozusagen auf der Straße, man braucht es nur aufzulesen.Der Dichter, der lange nur der "alte Fontane" war, eine liebenswürdige, aber nicht eigentlich bedeutende Gestalt, "gerade noch Klassiker", wie der Philosoph Hans Blumenberg gesagt hat, ist uns auf merkwürdige Weise nahegerückt; er ist vor allem mit seinen Anmerkungen zur Zeit, die in verblüffender Fülle überall aus Briefen und Tagebüchern fallen, fast so etwas wie unser Zeitgenosse geworden.Andererseits ist es schwer, es bei einer Gestalt, bei der man eigentlich nichts falsch machen kann, richtig zu machen - nämlich den Bogen von Fontanes Leben und Epoche neu nachzuzeichnen

Die Ausstellung erzählt an der Biographie entlang.Sie akzentuiert einzelne Perioden - die Kindheit, die Apotheker-Zeit, den Theater-Kritiker, die Frauen-Gestalten, vor allem den märkischen Wanderer, und sie liefert dazu breite Ein- und Ausblicke in die Geschichte Preußens und vor allem Berlins.Das alles ist mit eigenen erläuternden Texten und, vor allem, Fontane-Zitaten dicht verknüpft und vernetzt.Das nicht leichte Einpassen der Ausstellung in die historische Architektur des Märkischen Museums mit seinen Gängen und Gewölben ist erstaunlich gelungen, gerade weil der Architekt Holger Wallat dem Gebäude sein Recht gelassen hat.Insgesamt haben die Veränderungen, die für diese Präsentation vorgenommen wurden, dem Haus, das arg verbaut war, gutgetan.

Die Ausstellungsmacher haben nicht gegeizt.Wer ansprechbar ist für den dokumentarischen Niederschlag dieses Lebens, kommt voll auf seine Kosten.Es gibt Handschriften en masse, Briefe natürlich, das letzte Akademie-Protokoll, das der Drei-Monats-Sekretär offenbar erleichtert mit schwungvollen Schriftzügen aufzeichnet, das Handwerkszeug des Schriftstellers aus dem Arbeitszimmer in der Potsdamer Straße 134 c.Dazu ist der Ehrgeiz unübersehbar, die gängigen Bilder und Aufnahmen dieses Lebens durch neue, bislang nicht gekannte zu ergänzen.Im übrigen überraschen die Ausstellungsmacher mit zahlreichen originellen Fundstücken: da gibt es, beispielsweise, Original-Photographien von der Aufführung des Festspiels, das Fontane zur 2oo.Jahrfeier des Ediktes von Potsdam, dem Beginn der hugenottischen Einwanderung nach Brandenburg, 1885 verfaßte, oder den Schrank, in dem der literatische Verein "Tunnel über der Spree" seine Unterlagen verwahrte.

Der biographische Umriß wird akzentuiert, ja, aufgebrochen von Themen-Komplexen, die sich fast zu Zwischenakten auswachsen.Der Theaterkritiker Fontane gibt den Anlaß zu einer - instruktiven - kleinen Theatergeschichte Berlins, vom geselligen Unterhaltungsbetrieb vor den Toren der Stadt bis zum Jahrhundert-Ende, an dem das Theater zum Zeittheater, zum Forum des Ringens um das Neue wird, Fontane kräftig dabei.Der Blick auf Fontanes Frauengestalten gleitet hinüber in die Emanzipations- und auch ein bißchen in die Kostümgeschichte; er reicht bis zu Böcklins mythologischen Phantasien.Erst recht brechen die Räume, die den Wanderungen gewidmet sind, aus dem biographischen Rahmen aus.Hier überwältigt sozusagen das Stadtmuseum mit seinen Schätzen das Thema, und Fontane verschwindet fast unter historischen Bildern, archäologischen Funden, Landschaftsdarstellungen und zoologischen Materialen.Immerhin erblickt so die gotische Kapelle, die vierzig Jahre lang als Depot diente, wieder das Licht des Museums.

Hier zeigt sich nun eine Schwäche der Ausstellung: ihre Disproportionalität.Der Blick auf die Mark gerät ins Uferlose, füllt bald das ganze obere Stockwerk, ist überdies auch kaum noch das, was er verspricht, nämlich Fontanes Blick - der liebevoll ausstaffierte Schmetterlingssammler verdankt seine Existenz gerade einmal einem zufälligen Zitat.Es ändert wenig daran, daß es die begeisterte Vertiefung in das Werk ist, welche die Proportionen verzieht.Mit bewundernswertem Eifer wird dem zeitgenössischen Skandal-Hintergrund nachgespürt, von dem Fontane sich bei "Effi Briest" und "L¿Aldultera" anregen ließ.Aber das große Romanwerk von "Irrungen, Wirrungen" bis zum "Stechlin", das uns wie kaum etwas sonst ein Bild des ausgehenden Jahrhunderts und zumal der Berliner Gesellschaft geben, auf die sich Fontanes später Ruhm nicht zuletzt stützt - es bleibt in schwer erklärlicher Weise am Rande.

Und wie steht es mit dem Jahrhundert, der Epoche, der Zeit, die der Ausstellungstitel als Lebensluft und Horizont dieser Biographie beschwört? Sie werden in den Entwicklungsjahren hübsch didaktisch zitiert - mit der Aphotheke natürlich, mit zeitgenössischem Mobiliar, mit den Pistolen und Säbeln der 48er Revolution.Für das letzte Jahrhundertdrittel, in der die Epoche sich stürmisch auf unsere Zeit hin wendet - von Fontane registriert, gespürt und in seinen Gestalten festgehalten - ,greift man dann kräftig in die reichhaltigen Depots des Museums: Das Kaiser-Panorama wird aufgefahren, das Stadtmodell aus dem 18.Jahrhundert um die Teile erweitert, mit denen Berlin auf die Dimensionen der Fontane-Zeit zuwächst, mit einem zu einem großen Rund-Horizont gebogenen Panorama vom Turm des neuen Rathauses der Blick auf die gewaltigen Veränderungen gelenkt.

Das alles ist - wie der Auftritt der Ikonen der preußischen Geschichte sozusagen in den Nischen dieses Lebensgangs - informativ und instruktiv.Es ruft das gewaltige Jahrhundert herauf, das Fontanes Leben fast ausfüllt, seine Brüche, seine Beschleunigungen, seine Gründe und Abgründe - aber es fügt beides zu wenig aneinander.Das mag zum Teil damit zu tun haben, daß die historischen Kapitel oft nur mit ganz dünnem Faden an dieses Leben angebunden sind, teils nolens volens, teils in bewußter Entscheidung.Gewiß wird man auch einräumen müssen, daß Fontanes Zeitgenossenschaft, die in den Briefen und Tagebüchern so erstaunlich direkt und in den Werken als raffinierter Reflex aufscheint, mit Ausstelungsmitteln schwer zum Ortstermin zu bitten ist.Aber weshalb vermittelt die Bilder-Wucht der Ausstellung über Fontanes Verhältnis zur bildenden Kunst seiner Zeit in der Nationalgalerie fast noch mehr den Eindruck, daß man der Beziehung Fontanes zu diesem merkwürdigen, konvulsivischen Jahrhundert begegne?

Die Ausstellung im Märkischen Museum wird vielen etwas bringen, Stoff zum Nachdenken, Anstöße, sich in Leben und Werk zu versenken, Berührung mit Vergangenheiten, die auch noch in unserer Gegenwart pochen und klopfen - und das nicht nur, weil sie vieles bringt, sondern weil sie mit Aufmerksamkeit und Zuneigung zu ihrem Gegenstand gemacht ist.Aber ihrem Thema bleibt sie doch etliches schuldig.Fehlt ihr der tragende Gedanke, die konzeptionelle Anstrengung, die Leben und Epoche ineinander zwingt? Sie setzt, gewiß, am richtigen Punkt an, aber über der Fülle des Materials, das sie in dem wiederbelebten Gemäuer ausbreitet, verliert sie ein wenig den Faden.

Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr.Katalog: 280 Seiten, 49,90 Mark, erschienen im Henschel Verlag.Der Katalog wird zum Gesamtpreis von 70 Mark auch zusammen mit dem Katalog der Nationalgalerie, SMPK, "Fontane und die bildende Kunst" angeboten.

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