Kultur : Ein Parzival der Penner

PETER VON BECKER

Diese "Fette Welt" ist eine aus kaltem Schweiß und Fetzen und Dreck, nicht auf der Butterseite des Lebens.Mehr Fettsträhnen als Glückssträhnen.Gemeint ist die Welt der Obdachlosen, der Stadtnomaden.Unter ihnen hatte der Münchner Schriftsteller Helmut Krausser 1992, damals selber erst 28, seinen jugendlichen Helden Hagen Trinker als zweites Ich angesiedelt, hatte in seinem Roman mit jenem Slang- und Slogantitel "Fette Welt" das Lied der Großstadtstraßen, der Saufbuden und Billigpuffs, der Junkies und jugendlichen Ausreißer gesungen.Mit sehr viel Wortwitz, Ekelromantik und naturgemäß auch einer gewissen Dosis postpubertär-großmäuliger Bürgerschreck-Attitüde.Vom bösen Baal, dem "asozialen", hatte einst der junge Brecht geschwärmt, und Krausser wollte es dem mythentrunkenen Baalspieler ein bißchen heimzahlen mit einem Jungen von ganz heute.Zugleich aber sollte der Mythos eines deutschen Helden ironisch noch mitschwingen: Hagen Trinker, der Name bringt das Nibelungische und das Alkoholische in Zusammenklang.

Solche Anspielungen nun ins Kino zu übersetzen, hätte es wohl eines nachtschwarzen oder zumindest zwielichtig schimmernden Films bedurft.Jan Schütte als Regisseur und (mit Klaus Richter) auch Drehbuchautor hat sich aus der Krausser-Welt freilich nur die Hauptpersonen und Hauptfäden ausgesponnen.Dann ist er gleich ziemlich kühl auf Distanz gegangen gegenüber aller Verführung zum anklägerischen Sozialmelodram ("Deutschland von unten") - und hat sich auch nicht auf den möglichen Trip in die Randgruppenromantik, in die Gegenweltphantastik eingelassen: Schüttes "Fette Welt" ist keine bundesrepublikanische Pulp Fiction geworden, obwohl sein Film durchaus von Drogen und Trash unter deutschen Brücken, in Bahnhöfen und Rohbauten erzählt.

Hagen Trinker ist ein Junge in München, ausgebrochen aus Familie und Beruf ohne nähere Erklärung.Er will treben, nicht streben, er läßt sich treiben in einer Schar meist älterer Freunde.Wie ihn Jürgen Vogel eher stoisch-naiv als rätselhaft abgründig spielt, wirkt er als sympathische Fehlbesetzung im Leben.Ein holder Tor unter unholden Umständen, doch dies versetzt mit einer sonderbaren Passivität.Ja: Neutralität.Vogels Trinker agiert nicht gegen die Gesellschaft, aber man erfährt in der Geschichte und in seinem so häufig in Großaufnahme tagträumerisch dreinschauenden Gesicht auch nicht, was seine Randexistenz für ihn selber bedeuten mag.Ein Baal normal, ein Parzival unter Pennern - doch das klingt fast schon eine Spur zu dramatisch, zu poetisch.Jan Schütte nämlich ist diesmal, mangels Handlung und widerständigem Stoff, mehr ein Beobachter als wirklich ein Erzähler.

Man sieht, in manchmal sehr stimmungsvollem Blaulichtdunst, in Abend- und Morgennebeln ein Stück Gegenmünchen.Nicht die "Rossini"-Schickeria, sondern unter der mit Lagerfeuern und skurrilen Slumszenarien ganz malerisch gefilmten Wittelsbacher Brücke an der Isar eine Idylle der Armut.Doch auch hier bleibt Schütte trotz aller Sympathie für seine Figuren noch ein Stück weit auf Distanz.Im rauh-herzlichen Ton und in den wunderbar verwitterten Gesichtern von Jürgen Hentsch, Thomas Thieme, Sibylle Canonica oder Ursula Strätz wird die Pennerkommune gewiß nicht verklärt.Andererseits kriegt keiner in dieser Welt sein Fett so richtig ab: Kein Kampf der Ratten, kein dramatisches Nachtasyl, denn dafür fehlen Konflikte, Geschichten und Szenen (statt Szenarien) zwischen den einzelnen Treber-Typen.Ein wenig spielt nur das Oktoberfest hinein, als zweite größere Welt-Kulisse; und eine hübsche kleine Liebesgeschichte zwischen Hagen und dem aus Berlin ausgebüchsten Schulmädchen Judith - die siebzehnjährige Julia Filimonow, eine Entdeckung! -, sie entführt die beiden am Ende auch noch von der Bavaria zum Bahnhof Zoo.Dann aber ist es mit der Liebe und dem Film auch schon aus.

Eine kleine Geschichte.Zu wenig Geschichten: für Jan Schütte.Ihm fehlt hier ein Stoff wie in Léos Carax wunderbarem Aussteiger-Randgruppenfilm "Die Liebenden von Pont-Neuf", und er hatte hier auch keinen Asphalt-Cowboy wie den jungen Dustin Hoffman und keine Juliette Binoche oder Denis Lavant wie Carax.Schütte, der mit "Auf Wiedersehen Amerika" einen der schönsten deutschen Filme der letzten 20 Jahre gedreht hat, beweist wieder seine Sorgfalt und seine leichte Hand.Doch war die Vorlage, war das Drehbuch nicht stark genug, bot ihm nicht die entzündende Reibung."Fette Welt" zeigt einen liebenswerten, indes sehr sanften Blick in den deutschen Untergrund.

In den Berliner Kinos Central, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmtheater am Friedrichshain, Kant, Kino Kiste, Moviemento und Filmbühne Wien

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