Kultur : Ein Patriot

„Mann ohne Land“: Veteran Kurt Vonnegut schimpft in seinem neuen Roman über die USA

Stefan Kister

Offensichtlich fühlt sich der mittlerweile 83-jährige amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut zu alt, um noch einmal zu einer der interstellaren Zeitreisen aufzubrechen, die in seinen früheren Werken Gedankenspiel und Wirklichkeit miteinander verknüpft haben. So etwa in seinem Roman „Slaughterhouse five“, einem der berühmtesten Kriegsromane, worin er von dem (selbst erlebten) Bombardement Dresdens berichtet. Aber vielleicht ist die Erinnerung eines alten Mannes doch die beste Zeitmaschine. Sein jüngstes Buch „Mann ohne Land“ gleicht zumindest eher einem imaginären Familientreffen als den komplexen Erzählsituationen, die noch den letzten Roman „Zeitbeben“ charakterisiert haben. Einer der großen alten Männer der amerikanischen Literatur ruft seine Getreuen, Freunde, Verwandte, Leser noch einmal zusammen – für ein Geplauder über die wichtigen und unwichtigen Dinge des Lebens. Vonnegut, der beim Signieren seiner Bücher dem Namen stets ein Sternchen hinzuzufügen pflegt und darauf angesprochen erwidert: „Sternchen? Das ist mein Arschloch“, bringt nun sein Leben auf den passenden Nenner: „Wir sind hier auf Erden, um herumzufurzen. Lasst euch von niemandem was anderes erzählen.“

Auch die Seiten von „Mann ohne Land“ zieren jene kleinen Sternchen. Aber weiß Gott nicht als selbstironische Platzhalter eines intellektuellen Meteorismus – auch wenn Vonneguts karnevalistische Flapsigkeit nun einmal den Hintergrund bildet, vor dem seine klaren Sottisen und lichten Eingebungen am nachtschwarzen Himmel der Zeit erst richtig zu leuchten beginnen. Da finden sich wunderbare Hinweise zum Kampf des Guten gegen das Böse (kein Problem, „sobald sich die Engel nach Mafia-Richtlinien organisieren“), da werden die Araber als Erfinder der Zahlen gefeiert („haben Sie schon einmal versucht, mit römischen Ziffern schriftlich zu dividieren?“) und da wird schonungslos der größte Mangel der amerikanischen Demokratie offen gelegt. „Dies ist er: Nur Irre wollen Präsident werden. Das stimmte sogar schon in der Schule. Nur eindeutig gestörte Menschen bewarben sich um das Amt des Klassensprechers.“

Dieser knorrige Alte, der schon zwei Selbstmordversuche überlebt hat, und seit seinem zwölften Lebensjahr den Attacken der Zigaretten-Konzerne auf seine Lungen standhält, ist ein großer Humorist. Und wenn sich Heinrich Heine einmal zu seinen größten Passionen bekannte, „Liebe, Wahrheit, Freiheit und Krebssuppe“, so erfährt man hier von Vonneguts größten Abneigungen: „Ich hasse Wasserstoffbomben und die Jerry-Springer-Show.“

Wie eine Aspirintablette ist Humor eine Weise, sich die Grässlichkeiten des Lebens vom Leib zu halten. Wenn aber für Vonnegut diese irgendwo Gestalt angenommen haben, dann in der gegenwärtigen amerikanischen Regierung: Sie sei ein Klub „psychopathischer Persönlichkeiten“ im Begriff Amerika und „weite Teile der Welt“ zu zerstören. Unerbittlich geißelt er die „Fossilienbrennstoffsucht“, die falsche Bigotterie, die Umweltzerstörung, die Kriegstreiberei, all jene Unsäglichkeiten einer arroganten Weltmacht, die ihn zum Fremdling im eigenen oder eben zum „Mann ohne Land“ gemacht haben.

Freilich, bliebe er nicht auch in dieser moralischen Ereiferung ein Causeur von Gnaden, und nützte er nicht jede sich bietende Gelegenheit zu erfreulicheren Abschweifungen – die Stimmung dieser imaginären Plauderstunde sänke bald auf den Nullpunkt. So aber finden sich auf allerhand erzählerischen Nebenwegen Vertreter eines anderen, besseren Amerikas ein: sein philanthropischer Sohn mit der Maxime, „einander beim Überstehen dieser Sache zu helfen, egal, was sie ist“, der schlaue befreundete Zeichner Saul Steinberg, der nach sechs Sekunden auf jede noch so knifflige Frage eine Antwort weiß, Jesus oder die Postlerin eines New Yorker Postamts. Vonnegut kennt sie gewissermaßen nur halb, weil sie immer hinter dem Schalter sitzt: „aber jeden Tag veranstaltet sie von der Hüfte aufwärts etwas mit sich, um uns aufzumuntern.“

Und Aufmunterung hat man dringend nötig, während die Fische im Ozean verenden, und der Rest den Bach hinunter- geht. Zwei Dinge kann Vonnegut empfehlen: sich hin und wieder ein paar Drinks zu genehmigen. Und die Musik. Die Liebe zu diesem „speziellen Heilmittel für die weltweite Epidemie der Depression“ sorgt dafür, dass er sich weder in Blue Notes zum Zeitgeschehen, noch in lustvollen Abschweifungen gänzlich verliert. Dem Leser aber bleibt ein Drittes: Die Lektüre seiner Bücher.

— Kurt Vonnegut: Mann ohne Land.

Roman. Aus dem

Amerikanischen

von Harry Rowohlt.

Pendo Verlag, Zürich 2006, 176 S., 17,40 €.

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