Kultur : Ein Performance-Künster auf der Suche nach dem Erhabenen - Installationen in Hannover

Ulrich Clewing

Wohin man auch schaut: Gold. Der edle Glanz ist überall, am Boden, an den Wänden, der Decke. In der Mitte des Raumes steht auf einem hochglanzpolierten schwarzen Podest eine spiegelnde, blattvergoldete Halbkugel. Das Arrangement wird vervollständigt durch ein rätselhaftes Detail: ein orientalisch anmutender Dolch, der in einer der Wände steckt. Die beeindruckende Installation ist eine von vieren, mit der die Hannoveraner Kestner-Gesellschaft den 1997 im Alter von 65 Jahren verstorbenen Performance-Künstler James Lee Byars ehrt.

Wohl selten war eine Ausstellung mit so viel Aufwand verbunden. Auch die anderen drei Räume wurden, den hinterlassenen Angaben Byars entsprechend, komplett umgebaut. Da ist einmal der schwarze Saal, laut Byars künstlerischem Konzept das natürliche Gegenstück zum goldenen. Der Besucher betritt ihn wie die Bühne eines Theaters, wobei - wohlgemerkt - die Vorstellung bereits längst läuft. Nur welches Stück gepielt wird, ist nicht ganz klar. Schlaglichtartig werden in dem ansonsten vollständig mit Samt ausgeschlagenen Schauplatz verschiedene gestalterische Elemente beleuchtet: eine Reihe von senkrecht gestellten, mannshohen, strahlend weißen Marmorblöcken etwa; des weiteren, in einer Nische, eine Reproduktion von Tischbeins berühmten Gemälde "Goethe in der Campagna", vor der ein schwarz verhangenes Tischchen plaziert ist, darauf ein weißer Teller. Ferner wird auf einem Podest eine marmorne Sichel präsentiert - Teile einer Erzählung, deren Sinn verborgen bleibt.

James Lee Byars, ein enger Freund von Joseph Beuys, hat sich als Künstler zeit seines Lebens einem Thema gewidmet, das in den letzten Jahrzehnten ein wenig aus der Mode gekommen ist: dem Sublimen, Erhabenen, der "vollkommenen Schönheit", wie er es selber formulierte. Daß es ihm dabei nicht um einzelne Gegenstände, sondern nur um eine Idee gehen konnte, wird klar, wenn man sich in Erinnerung ruft, daß es Byars Landsmann Barnett Newman war, der zusammen mit Mark Rothko und Ad Reinhardt den Begriff des Sublimen für den "Abstract Expressionism" in Anspruch nahm und damit einer der wichtigsten Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts das gedankliche Leitmotiv gab.

So bedeutete das Material Gold für den um gut eine Generation jüngeren Byars "die abstrakteste Möglichkeit des Erhabenen". Gold, so schrieb Byars einmal, sei "von einem solchen Grad der Abstraktheit, dass es dir - wenn du es künstlerisch benutzt - bereits auf einer erhabenen Ebene begegnet". Klingt pathetisch, einerseits. Andererseits ist es nicht immer einfach auszumachen, wo bei Byars der Ernst aufhört und das schalkhafte, selbstironische Augenzwinkern beginnt. In einem der Umgänge im Neubau der Kestner-Gesellschaft werden in Vitrinen einige Objekte gezeigt, die ursprünglich im Zusammenhang mit seinen Performances entstanden. Der "Flügel der Abreise", ein pechschwarzer Federputz aus dem Jahr 1981, vermag noch getragene Stimmung zu verbreiten. Bei "Jonny, Mary, Michael, Maria" von 1982, einem mit verzierten Stecknadeln gespickten Kissen aus Brokat kommen schon eher Zweifel auf.

Irritationen lösen auch die Zeichnungen aus, die ein Stockwerk höher hängen. Auf rot eingefärbten Blättern mäandern mit Goldstift gezogene Linien hin und her, als hätte der Künstler sie in einer Art Trancezustand zu Papier gebracht. Der Betracher muß schon die beigefügten Titel entziffern, um zu verstehen, daß es sich weder um eine Spielart fernöstlicher Kalligraphie noch um Beispiele für eine Ecriture automatique handelt. Sie bestehen aus einer Aneinanderreihung von Buchstaben: "TBROG" beispielsweise ist die Abkürzung für "The black rose of Germany", "FLW" meint "Flowers like Wine". Nonsense? Wahrscheinlich. Und vollends verunsichert steht man vor der Arbeit "The Conscience (Das Bewusstsein)": Auf einem niedrigen vergoldeten Säulenschaft lagert unter einer Glashaube eine winzige goldene Kugel. Da gehen Poesie, Philosophie und Mutterwitz eine untrennbare Verbindung ein.

Der Hang zur Theatralik des notorischen Selbstdarstellers Byars, der sogar das eigene Begräbnis nach seinen Anweisungen inszenieren ließ, wird deutlich im "roten Raum" der Kestner-Gesellschaft. Am Eingang stehen zwei hüfthohe Kugeln aus Granit. Weiter hinten befindet sich ein Zelt aus rotem Stoff, in dem ein hölzerner Prunksessel zu sehen ist. Der Märchenkönig, der hier Hof hält, scheint gerade für einen Augenblick weggegangen. Oder war es der Narr?Kestner-Gesellschaft Hannover, bis 18. September; Katalog 42 Mark.

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