Kultur : Ein Pharao in Moskau

ANDREA JULIETTE GROTE

Auch Helden sterben.Und sie verlassen uns zu allen Zeiten und Orten genauso kläglich und mit den gleichen Schmerzen wie die kleinen Leute, die unsere Nachbarn sind.Unter Tränen werden sie begraben.Selbst die sterblichen Überreste von siegreichen Helden werden für gewöhnlich in der Erde verscharrt oder dem Feuer preisgegeben.

Anders Wladimir Iljitsch Lenin, geboren am 22.April 1870 und vor genau 75 Jahren gestorben.Aufgebahrt in einem Mausoleum in Moskau ist der russische Führer des Proletariats sein eigenes Denkmal - eine Hülle, an der Millionen Besucher schweigend vorüberziehen.

Samuel Hutchinson und Ilya Zbarski, der 18 Jahre lang die Leiche Lenins vor dem Verfall bewahrte, beschreiben in dem Buch "Lenin und andere Leichen", eben beim Stuttgarter Klett-Cotta-Verlag erschienen, die Zeit vor und nach dem Tod des Revolutionsführers am 21.1.1924.Zbarski weiß davon aus erster Quelle zu berichten: Denn es war sein Vater, der Biochemiker Boris Zbarski, der mit Professor Worobjow aus Charkow den Auftrag von Stalin erhielt, die sterbliche Hülle zu retten.Als sie am 26.März 1924 mit der Arbeit begannen, waren sie entsetzt: "Die erste Konservierung, die wie gesagt einen Tag nach Lenins Tod stattfand, war dem Zustand des Leichnams kaum zuträglich.(...) Der Pathologe A.I.Abrikossow hatte einfach eine Lösung aus 30 Teilen Formalin, 20 Teilen Alkohol, 20 Teilen Glyzerin, 10 Teilen Chlor und 100 Teilen Wasser in die Aorta des Toten gespritzt.(...) Seine sterblichen Überreste hatten einen gelblichen Farbton angenommen, der um die Augenhöhlen, die Nase, die Wangen und die Ohren ins Erdfarbene hinüberspielte.(...) An der Stelle, wo man den Schädel zur Entnahme des Gehirn geöffnet hatte, war die Haut einen Zentimeter breit eingesunken.Die Nasenspitze war mit dunklen Pigmentpunkten übersät, und die Nasenflügel hatten nur noch die Dicke eines Blatt Papiers.Die Augen waren leicht geöffnet und eingefallen (...).Auf den Händen waren braune Flecken aufgetreten, und die Fingernägel hatten einen bläulichen Ton angenommen.All diese Einzelheiten wurden von einer Sonderkommission (...) sorgfältig aufgezeichnet.Bei dieser Gelegenheit ersuchte mein Vater den Bruder von Boris Pasternak, den Architekten Alexander Pasternak, die Farbe von neun verschiedenen Körperpartien des Leichnams in Aquarell festzuhalten.Worobjow wollte den ursprünglichen Farbton des Toten dokumentieren, weil er nicht gedachte, allein die Verantwortung für den Verfall des Leichnams zu übernehmen, falls die Einbalsamierungsarbeiten mißlingen sollten."

Ein Jahrzehnt nach Lenins Tod konstatierte der amerikanische Wissenschaftler Fertrige die hervorragende Arbeit der beiden: "Er ist es, kein Zweifel.Ist er wirklich seit zehn Jahren tot? (...) Ich persönlich habe wirklich den Eindruck, daß der Mann schläft (...).Die Einbalsamierung von Lenin ist die vollkommenste aller Zeiten.Er ist besser erhalten als die Mumien im alten Ägypten."

Lenin hat sich mit viel Pflege und stetiger Desinfizierung bis heute gut gehalten.Alle 18 Monate wird die sterbliche Hülle des Revolutionsführer ausgezogen, aufgeklappt, gesäubert und desinfiziert.Doch die politischen Verhältnisse habe sich verändert.Ilya Zbarski beschreibt die Finanzmisere Rußlands.Das Geschäft mit der Einbalsamierung von Leichen übernimmt heute nicht mehr der Staat, sondern ein Privatunternehmen.Der Bedarf jedoch dauert an: Seit 1991 sind es die neuen Reichen Rußlands, die sich nach ihrem Tod ein Denkmal setzen wollen.Je nach Zerstörung der Leiche wird der Preis für eine Konservierung berechnet: Zerfetzte eine Bombe den Menschen, muß man schon bis zu 10.000 US-Dollar für eine Rekonstruktion aufbringen.

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