Kultur : Ein Platz für Helden

Heute vor 200 Jahren starb Friedrich Schiller. Er fand in der Geschichte das politische Theater – und das Drama der Diktatur

Christina Tilmann

Schiller und deutsche Geschichte, das ist seit jeher verquickt. Nur konsequent daher, dass heute, am 200. Todestag des Dichters und am Vorabend der Berliner Mahnmal-Einweihung, Heinrich Breloers Fernsehdokumentation über Albert Speer ausgestrahlt wird. Wir können uns den Dichter mit dabei vorstellen. Beobachtend zunächst, aufmerksam, dann immer unruhiger. Später wird er vielleicht einen Hustenanfall bekommen, wie so oft, muss sich hinlegen, im Nachbarzimmer. Und wird von dort aus Bemerkungen herüberrufen, unruhiger Geist, der er ist. Und dann wird man die ganze Nacht lang diskutieren, Pfeife rauchen, Wein trinken. Schiller war berühmt für seine stundenlangen Diskussionen, bis ins Morgendämmern hinein.

Was hätte er zu Breloers Dokufiktion gesagt, er, der Erfinder der Geschichtsschreibung in Deutschland? Was zum Boom der Historienfilme, zum „Untergang“, zu Stauffenberg und Albert Speer? Was hätte er aus einem solchen Stoff gemacht? „Wenn es wahr ist, dass nur Empfindung Empfindung weckt, so müsste, däucht mich, der politische Held in eben dem Grade kein Subjekt für die Bühne sein, in welchem er den Menschen hintansetzen muss, um der politische Held zu sein“, schrieb er in der Vorrede zum „Fiesco“. „Die kalte, unfruchtbare Staatsaktion aus dem menschlichen Herzen herauszuspinnen, und eben dadurch an das menschliche Herz wieder anzuknüpfen (...) das stand mir bei.“ Adorno hat genau das kritisiert und Schiller eine Vermenschlichung unmenschlicher Geschichte vorgeworfen: „Die Tendenz zur ästhetischen Reprivatisierung zieht der Kunst den Boden unter den Füßen weg.“ Und Friedrich Dürrenmatt legte noch einmal nach. Die heutige Welt lasse sich kaum noch in Form eines Schiller-Dramas bewältigen: „Aus Hitler und Stalin lassen sich keine Wallensteine mehr machen.“

Wie geht man mit negativen Helden um? Hitler als Mensch, Goebbels als Ästhet, Speer als Familienvater – geht das? Und was bringt es? Schiller hat es vorgeführt: Fiesco, ein Intrigant, Verschwörer, einer, der sich durch Macht korrumpieren lässt. Posa, der Idealist, der für seine Ideale eine Freundschaft, eine Welt zu opfern bereit ist. Wallenstein, der abtrünnige Feldherr. Oder der Despot PhilippII. als schwacher Mensch: „Der König hat geweint“ lautet der Schlüsselsatz einer Schlüsselszene in „Don Carlos“, die Burkhard Müller ins Zentrum des wohl erhellendsten Buchs zum Jubiläum gestellt hat, ein dünnes Bändchen, das sich mit dem politischen Drama Schillers befasst (Der König hat geweint, zu Klampen Verlag, Springe, 2005, 160 Seiten, 14 €). Fiesco, Philipp, Wallenstein: allesamt bad guys, gebrochene Charaktere, korrumpiert durch Macht und Politik. Und uns so viel näher als die Schwärmer Carlos und Max, Johanna und Tell.

Die Sache mit den Helden ist das Schiller-Problem unserer Zeit – und der hohe Ton. Der Dichter als Nationalheld ist gefeiert und missbraucht worden, mehr als hundert Jahre lang. Wahrheit, Freiheit, Humanität: Was ist in ihrem Namen alles geschehen. „Im innersten Gehäuse des Humanismus, als dessen eigene Seele, tobt gefangen der Wüterich, der als Faschist die Welt zum Gefängnis macht“, hat Adorno in den „Minima Moralia“ geschrieben. Und Müller erkennt in Schillers Satz „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“ den Funken, der zum Weltbrand wurde. Das Individuum wird an die historische Idee preisgegeben – damit lassen sich alle Totalitarismen der Welt begründen. Es gehe Schiller, der den Satz nicht zu Ende dachte, wie dem „freundlich-zerstreuten Physiker, dem es bei seinen in sich gekehrten Rechnereien leider entging, dass er soeben die ultimative Waffe erfunden hat, mit welcher sich die ganze Welt zu Staub zerblasen lässt“.

Kein Wunder, dass sich die heutige Schiller-Rezeption auf den Geschichtspessimisten verlegt. Auf einen, der Sätze formulierte wie „Die Welt ist leer“ oder „Dem bösen Geist gehört die Erde“. Schiller als Vorläufer von Sartre. Doch die Jubiläumsausstellung im Schiller-Museum Weimar steht unter dem Titel „Die Wahrheit hält Gericht. Schillers Helden heute“. Von Helden sprechen, das geht offenbar wieder, und sei es von der Popgruppe Wir sind Helden. Auch die Theaterdiskussion um Werktreue und Regiemissbrauch hat sich gerade an Schiller entzündet.

Schiller, der Revolutionär, der Theatererneuerer, als Faustpfand für wertkonservative Theaterrestauratoren? Ein Missverständnis. Wahr ist: Die Schiller-Krise ist immer auch eine Theaterkrise und umgekehrt. Was auf der Bühne nicht lebt, lebt auch als Text nicht. Und natürlich hat der große britische Literaturwissenschaftler George Steiner recht, wenn er bei der Gedenkveranstaltung in Marbach betont, dass Schillers Rhetorik, seine „Flügelkleider“ der Sprache uns misstrauisch machen: „Es ist der Stotterer Woyzeck, dem wir Glauben schenken. Unser Vertrauen gilt jenen Stimmen, die in kurzen, nackten Sätzen sprechen wie bei Kafka oder Beckett oder die uns, so wie Wittgenstein es tut, empfehlen zu schweigen.“ Schillers hoher Ton ist ein Theaterproblem. Man kann ihn zelebrieren, wie Andrea Breth oder Laurent Chétouane, der das Drama des „Don Karlos“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in ein Hördrama verwandelt, auf kahler Bühne. Oder man kann die Sprache als trügerisch vorführen, wie Michael Thalheimer mit „Kabale und Liebe“ am Thalia Theater: Nur die Gesten sind wahr. Sprache, schnell, fast unverständlich und vor allem emotionslos heruntergerasselt, ist leere Hülse, Schall und Rauch.

Was man aber auch kann: Schiller als genialen Arrangeur historischer Stoffe begreifen. Einen, der sich sein Sujet zurechtschneidet, bis er ins Drama passt. „Ich gebe die Geschichte einem Genie preis, eine Komödie oder einen Roman draus zu machen“, hat Schillers Kollege Schubart geschrieben. Da wird aus dem Infanten Carlos, einem kränklichen Kretin, der Tiere quälte, ein schwärmerischer Held. Und Elisabeth, nicht Maria die wahrhaft tragische Figur. Hier, nicht in seinen historischen Abhandlungen von der „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs“ oder dem „Abfall der Niederlande“ ist Schiller visionär. Wenn seine Ideale Wirklichkeit werden wie in der Französischen Revolution, ist der Dichter der Erste, der verschreckt nach Ordnung ruft. Doch im Theater ist er kühn.

Noch in Werken wie Rolf Hochhuths „Stellvertreter“, Peter Weiss’ „Ermittlung“, ja selbst in Andres Veiels Dokutheater „Der Kick“ ist sein Einfluss spürbar. Auch in Schwundstufen wie dem Musical oder dem Fantasy-Film lebt sein Pathos fort. Hier schließt sich der Kreis zu Breloer, Eichinger und Co. Wie sagte Andrea Breth: „Schiller wäre heute ein hoch bezahlter Drehbuchautor.“

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