Kultur : Ein Preis für Troja und Kreuzberg

Rdh

Ein bisschen Fantasie und den Ehrgeiz, einen großen Bogen zu schlagen, muss man schon haben. Gut, der biografische Umstand, seine Jugendjahre als deutscher Emigrant in der Türkei verbracht zu haben, kommt bei Edzard Reuter, dem früheren Daimler-Benz-Chef, hinzu. Dann kann man den Spagat wagen: Einen Preis an einen Archäologen und ein Projekt von Sozialarbeitern verleihen. Der Archäologe ist Manfred Korfmann, der seit gut fünfzehn Jahren in Troja ausgräbt, das Projekt heißt Kumulus und wird getragen von sechs Damen und einem Herrn, die sich darum bemühen, junge Ausländer zu Schulabschlüssen zu bringen. Ein Preis für Troja und Kreuzberg gleichermassen. Es war der erste Preis, den die Helga-und-Edzard-Reuter-Stiftung verliehen hat - am Freitagabend in Berlin.

Bekannt geworden ist Manfred Korfmann, der Tübinger Professor, vor allem, man muss es sagen, durch den neuen Krieg umn Troja, der in den letzten Monaten in den Feuilletons stattgefunden hat. An solcherlei akademischen Streitigkeiten steuert der Preis souverän vorbei. Auch frönen die Reuters damit keineswegs einer archäologischen Leidenschaft. Sie haben die Bedeutung im Blick, die Korfmann zu Tage gefördert hat: Troja als Knotenpunkt der Beziehungen zwischen der anatolischen Halbinsel und dem griechisch-mediterranen Kulturkreis, also die Berührung unterschiedlicher Kulturkreise. Denn dem Zusammenleben von Menschen verschiedener ethnischer und kultureller Herkünfte ist die Stiftung gewidmet. Die "schöpferische Kreativität der Europäer", so begründete Reuter die Auszeichungen, war "seit jeher durch eine einzigartige Durchmischung getragen und geprägt".

Kumulus geht auf eine Initiative von Barbara John, der verdienstvollen Ausländerbeauftragten des Berliner Senats, zurück. Es sei inzwischen kein Projekt mehr, sondern eine Institution, sagte selbstbewusst Dilek Intepe für das Team der Mitarbeiter. Es ist ein Beispiel für gelungene Integration. Sie selbst auch: geboren in Istambul, mit den Eltern vor zwanzig Jahren nach Neukölln gekommen, und nun, wie sie bekannte, "eine Berliner Pflanze".

Fruchtbare Durchmischung auch sonst. Der Ort der Verleihung zum Beispiel, das Max-Liebermann-Haus, geadelt durch die Erinnerung an den Namensgeber, Sitz der Stiftung "Brandenburger Tor" der Bankgesellschaft Berlin. Und die Ansprache des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: Vielleicht, so der Eindruck Edzard Reuters, keine Festrede, aber eine große Rede. Thema: das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkünfte und das Zuwanderungsgesetz. Sehr entschieden im Ton. Sehr politisch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben