Kultur : Ein Prosit auf diese saure Brühe

In seinem Debütroman „Minus“ blickt Roman Sencin in die Herzen überflüssiger Menschen

Egbert Hörmann

Die Langeweile, nach Vladimir Nabokov eine russische Wesensausprägung, war bis zum Auftreten der offiziellen sowjetischen Kunstdoktrin vom positiven Helden des Sozialistischen Realismus ein beliebtes Thema der russischen Literatur. Sie weist, beginnend mit Puschkins Eugen Onegin, eine ganze Galerie der ihrer Epoche abhanden gekommenen, „überflüssigen“ Menschen auf, den Typus des lischni tschelowek. Tschechow ist vor der Revolution der letzte Meister der Darstellung dieser anrührenden Geschöpfe, energielose, auf dem Diwan menschheitserlösende Pläne schmiedende Idealisten, die ihr Leben in einem Nebel utopischer Träume in der ewigen Provinz vergeuden. Hierhin führt uns auch der stark autobiografisch gefärbte Debütroman „Minus“ des 1971 geborenen Roman Sencin. „Das heutige Leben ist eine unfassbare saure Brühe...“, heißt es, „eine einfarbige, endlose Unfassbarkeit.“

Den fast 25-jährigen Roman hat es nach dem Militärdienst und längerer Arbeitssuche in die kleine sibirische Stadt Minusinsk nahe der Grenze zur Mongolei verschlagen, wo er seit über drei Jahren als Kulissenschieber im Stadttheater arbeitet. Er bewohnt mit seinem Kumpel Lecha, einem Mini-Existenzialisten, eine Zwölf-qm-Bude in einem desolaten Wohnheim aus der Chruschtschow-Ära. Seine künstlerischen Ambitionen, wieder Gedichte zu schreiben und eine Band zu gründen, versacken in der Alltagsroutine, Dauerdepressionen, Ausnüchterungsversuchen und rituellen Sauf- und Kiffgelagen mit ähnlich gestrandeten Musiker- und Malerfreunden. Diese sibirischen Beatniks wissen alles über das Leben, außer wie man es lebt. Um ein Mädchen auszuführen, fehlt das Geld, aber dennoch gibt es für alle eine Braut: ein Billigwodka namens „Minus“,bei dem die Pforten der Wahrnehmung zur Pforte der Hölle werden. Und natürlich sind Romans Eltern an der Misere schuld. Diese Überbleibsel der klassischen Intelligenzija, in der UdSSR durchaus gut situiert, haben die historische Wende mit dem sozialen Abstieg bezahlt und sitzen jetzt in einem etwa 50 Kilometer entfernten Kaff fest, wo sie an der Dorfschule unterrichten und sich mit Gemüseanbau über Wasser halten.

Russland ist deshalb zur Zeit ein so einzigartiges literarisches Terrain, da die Literatur am selben Nullpunkt angelangt ist wie Gesellschaft, Politik und nationale Identität. Mit der Sowjetunion verlor auch die literarische Allianz von Staatsdichtern, Emigranten und Dissidenten ihre Rolle. Dieses Vakuum und diese Richtungslosigkeit sind für die neue russische Literatur verstörend, aber durchaus befreiend, denn bei Null zu beginnen ist auch eine Chance.

„Jetzt werden bittere Arzneien, ätzende Wahrheiten gebraucht“, heißt es zu Beginn von Lermontovs Klassiker „Ein Held unserer Zeit“, ebenfalls der Roman eines „überflüssigen“ Menschen. Roman Sencin hat diese Figur ironisch gebrochen wieder aufgenommen und mit „Minus“ eine Art Manifest der russischen Generation X geschrieben. Deren Angehörige sind die Erben des Himmelreichs im Traum des implodierten Sowjetmenschen, ohne Glauben, ohne Utopie und ohne Gewissheit, außer einer: keine bestimmbare Zukunft zu haben. Erhöhte das Leiden in der klassischen russischen Literatur den Menschen, so stumpft es ihn hier nur noch ab. Und so trinken sie, in diesem Nirgendwo-Irgendwo herumsitzend, auf ihre grandiosen Wunschträume und auf den Erfolg ihrer hoffungslosen Mission. Der Traum von der Welt ist auf die Möglichkeit zusammengeschrumpft, mit dem Bus in das eine halbe Stunde entfernte Abakan zu fahren.

Das Epigraph der großen russischen Literatur ist wohl, dass der Mensch gut ist, aber die Umstände schlecht sind. Sencin beschreibt ein rücksichtsloses und unerquickliches Russland, und er demontiert auch den wiedererwachten Mythos Sibirien. Heute, wo Moskau der Ansteckung des Westens erliegt, wird Sibirien von einer slawophilen Fantasie gern zum Hort der Reinheit, zur Zitadelle des wahren Geistes stilisiert, ein archetypisches Russland. „Minus“ stellt so auch die Frage, warum diese überreiche Erde so verloren und verwahrlost ist, weder das Land der Zukunft noch die geografische Verkörperung eines enthusiastischen Aufbauwillens.

Sencin berichtet frisch, ungeschönt und authentisch, und er erzählt, was vor zehn Jahren noch nicht zu erzählen war. Die junge russische Literatur, die die „Andere Prosa“ und den Konzeptualismus der heute Fünfzig- bis Sechzigjährigen längst hinter sich gelassen hat, ist deshalb so faszinierend, da sich hier unzensiert Stimmen äußern, die zur ersten Generation freier Menschen in der ganzen russischen Geschichte gehören.

Zwar ruft da einer am Ende in einem Anfall von jugendlichem Aufbruchspathos: „Wir müssen uns etwas Ernsthaftes einfallen lassen... Worauf wartest du noch?! Heutzutage muss man zuschlagen!“, aber es lässt sich vermuten, dass in der verlotterten Bohème-Welt die kulturelle Apathie nicht so einfach zu überwinden ist.

Roman Sencin hat es geschafft. Aufgewachsen in der heutigen Autonomen Republik Tuva, floh er wegen ethnischer Feindseligkeiten mit seinen Eltern Anfang der 90er Jahre in den Süden des Krasnojarsker Gebiets, lebte in St. Petersburg und verbrachte seinen Militärdienst in Karelien. Danach schlug er sich als Dorflehrer, Hausmeister und Bühnenarbeiter durch und lebt heute in Moskau. Man wünscht ihm, dass es für ihn von da aus bis zu seinen deutschen Lesern nicht mehr besonders weit ist.

Roman Sencin: Minus. Roman. Aus dem Russischen von Ulrike Zemme. DuMont Literatur und Kunst Verlag. Köln 2003. 318 Seiten. 22,90 €.

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