Kultur : Ein Radikaler

Komponist Dieter Schnebel wird 80 Jahre alt

Michael Hirsch D

Er ist ohne Zweifel einer der unabhängigsten Köpfe unter den Komponisten. Auch wenn er vom seriellen Denken der Darmstädter Schule geprägt wurde, auch wenn er Einflüsse von Cage verarbeitet hat, ist seine Arbeit weder einer Schule zuzuordnen, noch kann man den dominierenden Einfluss eines Vorbildes festmachen.

Dieter Schnebel, am 14. März 1930 im südbadischen Lahr geboren, gehört jener Generation der Nachkriegsavantgarde an, die in der „Stunde null“ eine ebensolche in der Musik zu inaugurieren suchten. Während seine frühen, unter dem Titel „Versuche“ zusammengefassten Werke noch vom „Darmstädter“ Idiom geprägt sind, geht Schnebel im nächsten Schritt entschieden weiter. Sein erstes veritables Meisterwerk, die Chorkomposition „dt 31,6“ (1956–58), ist ohne Vorbild in der Geschichte der Vokalmusik. Hier scheint der Weg zu den „Maulwerken“ schon vorgezeichnet, jenem Schlüsselwerk experimenteller Vokalmusik schlechthin. „Experimentell“ ist hier nicht in einem wohlfeilen, modischen Sinne zu verstehen, sondern es beschreibt tatsächlich eine Versuchsanordnung mit dem Anspruch eines wissenschaftlichen Experiments.

Doch beschreibt der Aspekt des Experimentellen nur den halben Schnebel. Ab Mitte der siebziger Jahre begann er systematisch, die traditionellen Formen der europäischen Musikgeschichte gewissermaßen „abzuarbeiten“. In den achtziger und neunziger Jahren waren die großen Formen dran: eine große Messe, eine Symphonie, eine Oper. In der „Dahlemer Messe“ gelang es dem Komponisten und Theologen Schnebel, die Form der Messe in ihren kulturellen und historischen Kontexten hinreißend plastisch darzustellen.

In jüngster Zeit dominiert eine poetische Kammermusik, die sich mehr noch als früher jeder stilistischen Einordnung entzieht. Schnebel verzichtet auf auftrumpfende Überwältigungsästhetik. Seine Musik schwitzt nicht. So bleibt er in allen seinen Stücken ein Mann der Aufklärung. Auch seine „traditionellen“ Werke haben oft einen radikal-experimentellen Ansatz. Die friedliche Koexistenz von Fluxus und Streichquartett im Schaffen des Komponisten dokumentieren Schnebels geistige Freiheit als herausragende Tugend. Dafür gebührt Dieter Schnebel zum 80. Geburtstag ein besonderer Dank. Michael Hirsch

Der Autor lebt als Komponist in Berlin

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