Kultur : Ein Rätsel unserer Wahl

Eine

-

von Kai Müller

Das Geheimnis“, so urteilte Georg Simmel vor fast hundert Jahren in seiner „Soziologie“, „ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit“. Ein irritierender Satz. Hat nicht die Aufklärung die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) so weit vorangetrieben, das wir in medialen Glasarenen hausen? Trotzdem: Simmel hatte Recht. Wir sind in einer doppelten Dynamik gefangen: Je mehr Geheimnisse wir abschaffen, desto unklarer wird uns die Welt. Deshalb wollen wir gar nicht wissen, wer der „Heidemörder“ war, auch wenn das nun einer norddeutschen Ministerpräsidentin ihr Amt kostet.

Zur Demokratie gehört die Geheimniskrämerei einfach dazu. Wir leisten uns Geheimdienste wie die Verfassungsschutzämter, die im Inland ermitteln, ohne dass man es merkt. Brisante politische Informationen kursieren in Dossiers, auf denen „streng vertraulich“ steht, und schließlich gibt es bei wichtigen Entscheidungen „geheime Abstimmungen“. Zu viel Wahrheit will sich die Demokratie einfach nicht zumuten. Andererseits dürfen vor Gericht Informationen, die geheim beschafft worden sind, nicht verwendet werden. An diesem Grundsatz scheiterte zuletzt der Wunsch nach Vaterschaftstests, die ohne Zustimmung der Mütter durchgeführt werden sollten. Die Folge wäre gewesen, dass Bürger, Nachbarn, Eheleute einander bespitzeln, um sich im Streitfall Informationsvorteile zu verschaffen. Eine grausige Vorstellung. Plötzlich würde jeder zum Geheimnisjäger, ein UndercoverAgent in eigener Sache.

Vor diesem Hintergrund ist „geheime Abstimmung“ ein irreführender Begriff. Denn so geheim ist sie nicht. Man weiß ja, wer wählt und was gewählt wird – nur wer was wählt, das weiß man nicht. Das Gewissen der Urnengänger soll sich nicht erklären müssen. Bei Spionagediensten ist das anders. Die haben kein Gewissen. Da weiß man nicht mal, dass überhaupt spioniert wird, außer man ist selbst ein Spionagedienst. Dann ist alles klar.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben