Kultur : Ein Revolver für Mutti

Lola Arias findet Traumrealitäten in Buenos Aires

Sophie Crocoll

Die Schwimmerin dreht den Kopf, hebt den Arm, atmet, taucht wieder ins Wasser ein und lässt ihre Gedanken entströmen: „Auf der rechten Bahn schwimmt eine schwangere Frau mit einem riesigen Bauch. Frage mich, ob das Baby im Bauch auch krault. Wenn man schwanger ist, verwandelt man sich in ein Miniaturschwimmbecken.“

Lola Arias, 1976 in Buenos Aires geboren, liebt solche Bilder. Seit ihrer Kindheit schreibt sie Gedichte und tagebuchartige Notizen. Nun liegt mit „Liebe ist ein Heckenschütze“ erstmals eine Sammlung ihrer Texte auf Deutsch vor. Ihre Stücke inszeniert Arias selbst, auf der Bühne arbeitet sie mit Laien, Babys und mit Tieren – weil auch sie tun, wonach ihnen gerade der Sinn steht. Über sich selbst sagt die Autorin, sie übersetze Träume.

Es beginnt mit einer jungen Frau in Buenos Aires, deren Geschichte Lola Arias zu erraten versucht – und wechselt bald zu ihrem eigenen Leben. Wie die Schwimmerin, die über das Altern nachdenkt: „Morgen werde ich dreißig. Irgendwo habe ich gelesen, dass der Körper mit dreißig zu altern beginnt. Meine Beine sind müde, und mein Herz ist so trocken wie ein Kaktus.“

Im Laufe des Buches verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Die Sprache bleibt dabei aber nüchtern und klar und führt den Leser sicher durch die teils befremdliche Gedankenwelt ihrer Protagonisten, wie im Telefongespräch „Striptease“: „Mann: Du hast dich so gefreut, als ich dir den Revolver geschenkt habe. Es war Weihnachten, du warst schwanger und hast mir gesagt, das sei das schönste und merkwürdigste Geschenk, das eine Mutter bekommen kann.“ Wie intensiv und zugleich unaufgeregt Arias die fragilen Beziehungen der Figuren nachzeichnet, bis hin zur Offenbarung intimster Gedanken – das macht den Reiz dieses Buches aus.

Denn bei aller Befremdlichkeit der Szenen erzeugt Arias auch Nähe zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Die Figuren nehmen den Leser bei der Hand und zeigen ihm ihre Sicht der Gefühle: Liebe ist ein Unfall. Liebe ist ein Striptease, ein Motorrad, ein Boxkampf in Zeitlupe, ist Schauspielerei. Vor allem aber: „Liebe ist ein Heckenschütze / Liebe ist ein Heckenschütze."

Lola Arias:

Liebe ist ein Heckenschütze. Aus dem

Spanischen von Rike Bolte, Udo Kawasser und Margit Schmohl. Blumenbar Verlag,

Berlin 2011. 240 Seiten, mit CD, 22,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben