Kultur : Ein Ruck, ein Bild

Die Filmkünstlerin Karen Yasinsky zeigt ihr Animationswerk

Moritz Schuller

Man kann sie meist kaum zählen, all die Namen, die, am Ende eines Films aufgelistet, erläutern, was wer gemacht hat (gaffer? bestboy?). „Fear“ ist ein kurzer Film, ohne Abspann, aber hätte er einen, dann stünde da überall: Karen Yasinsky. Regie, Kamera und Drehbuch, auch Maske, Bühnenbild und Kostüme, alles: Karen Yasinsky. Und weil die Amerikanerin am liebsten alleine arbeitet, bastelt sie sich auch ihre Schauspieler: Die Köpfe aus gebackenem Ton, die Körper aus Draht, die Kostüme schlichte Eleganz („Prada“, sagt sie lachend, „nicht Chanel“) – perfekte Schauspieler mit dreißig Zentimeter Körpergröße.

Viel Popkultur steckt in diesen Puppen, der Hauptdarsteller von „Fear“ erinnert an Barbies Ken, und dass „Wallace & Gromit“ und MTVs „Celebrity Death Match“ die gleiche Animationstechnik nutzen, merkt man auch. Aber Yasinsky bremst den Zeitgeist, nur ein Bild pro Bewegungsablauf filmt sie. Stop-motion Animation heißt das: Puppen filmen, Gliedmaßen weiterbiegen, das nächste Bild. Der Effekt ist eine lyrische Langsamkeit, ein verzweifeltes Wollen, aber nicht Können, so abrupt und mechanisch bewegen sich ihre Figuren. Der Stummfilm ist das andere Erbe ihrer Arbeiten, Buster Keaton oder auch Robert Bresson. Ein surreales Puppenspiel in scharfer 16mm-Qualität, so leicht und einsam wie das echte Leben.

„Fear“, der zur Zeit in den Kunstwerken gezeigt wird, zeigt auf zwei Leinwänden Mann und Frau, die nicht zueinander kommen, sie links, er rechts, erst in einer Mondlandschaft, dann in einem Flugzeug mit Fünfzigerjahre-Interieur. Eine melancholische Erzählung in wenigen Minuten, die auch von der gelenklosen Schlacksigkeit der Figuren lebt: unbeholfen, geradezu hilflos wirken auch hier die ruckartigen Bewegungen. „Manchmal dauert es drei Tage Vorbereitung, bis zwei Figuren sich treffen“, sagt sie. „In dieser Zeit überlege ich mir, was in ihren Köpfen vorgeht, und dann weiß ich, wie ihre Szene enden muss.“ Beim Bauen der Puppen und des Sets entwickelt sie deren Persönlichkeiten, beim Drehen die Geschichte. „Ich forme die Charaktere mit meinen Händen.“ Schon deshalb könne sie nicht mit Schauspielern arbeiten. „Die wollen vorher wissen, was sie machen sollen.“ Das größte Kompliment, sagt sie, sei es, wenn die Zuschauer denken, dass die tönernen Gesichtsausdrücke ihrer Figuren sich wirklich verändern.

Die 37-Jährige ist zur Zeit Philip Morris Arts Fellow an der American Academy. Drei Vorgängerinnen hatte sie, Sarah Morris, Sue de Beer, Stephanie Snider. Yasinsky, die ihre Arbeiten bereits im New Yorker P.S.1 gezeigt hat, wird der letzte Philip Morris Fellow sein. Das Unternehmen beendet nach vier Jahren seine Zusammenarbeit mit der Academy. Angefangen hat Karen Yasinsky als Kunsthistorikerin, die Computer programmiert, bis sie zu einer Malerin wurde, die immer wieder dasselbe Bild malte. Und so ist sie beim Film nicht nur aus Leidenschaft gelandet: „Film“, sagt sie, „verbindet alle meine Interessen“. Und fordert immer wieder ein neues Bild.

Animations, Kunstwerke (Auguststr. 69), bis 6. April, Dienstag bis Sonntag 12-18 Uhr.

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