Kultur : Ein Schritt vor, zwei zurück

Claudia Sinnig

"Na gut, dann sind das also russische Reißzwecken - aber was es soll, verstehe ich trotzdem nicht." So äußern sich die meisten Besucher angesichts der Fotoarbeiten des 1960 geborenen Petersburgers Andrej Tschezhin. Dabei ist Tschezhin ein in seiner Heimatstadt und auch weit darüber hinaus sehr geschätzter Künstler. Liegt es daran, dass russische Reißzwecken anders aussehen als deutsche? Oder ist der Dichter Daniil Charms bei uns einfach gänzlich unbekannt? Tschezhins Werkgruppe "Charmsiade" (1995) ist eine Hommage an den sowjetrussischen Altmeister des Absurden. Die Fotoarbeiten basieren auf Vergrößerungen alter sowjetischer Passbilder, die mit groben Eingriffen verfremdet wurden. Sowjetische Standardartikel wie Rasierklingen, Sicherheitsnadeln, Ziegelsteine, Speisemesser und Bindfaden entstellen die Gesichter. Obgleich ihr Ausdruck bürokratisch fleisch- und blutlos ist, wirken die Fotos zunächst abstoßend brutal - besonders im Fall des Bindfadens, der mit wenigen Stichen die Lider und Lippen eines älteren Mannes zu verschließen scheint.

Sinnlos, unverständlich oder eben absurd ist dies tatsächlich - in genau jener Art und Weise völlig achtloser, ja beiläufiger Zerstörung, die das sowjetische System zutage befördert hat - im Namen und zum Wohl der einfachen Leute. Zu deren Bauchredner hatte sich in den zwanziger und dreißiger Jahren der Dichter Daniil Charms gemacht. In seinen Theaterstücken und Gedichten wirkt der verzweifelt mit sich und der kafkaesken Wirklichkeit ringende Durchschnittsbürger komisch und monströs zugleich. Charms Ende war tragisch: Die vielleicht unverfälschteste Stimme des Sowjetmenschen ist 1942 schließlich selbst in die Mühlen des stalinschen Säuberungapparats geraten.

Tschezhin ist auf Spurensuche und versucht, die eigene Geschichte zu begreifen. Es ist, als spule er gut siebzig Jahre zurück und versetze sich, ganz wie der Bauchredner Charms, noch einmal - langsam und zum Mitschreiben und doch im Kurzdurchlauf - hinein in die russische Moderne, und zwar in jene Zeit, da sie in Leben und Bewusstsein seiner Landsleute gerade Fuß fasste und wirklich ward. Die "Charmsiade" und auch das "Fotoalbum für Reißzwecken" (1994) sind keine De- sondern Rekonstruktionen, in denen die Blickpunkte von "Opfern" und "Tätern" so erbarmungslos unauflöslich verschmolzen sind wie in der sowjetischen Wirklichkeit. Dieser fast plakative Einstieg erweist sich schließlich als Ausstieg. Wie in dem Zyklus "Das rote Quadrat" (1990), in dem sich der Autor selbst schrittweise aus den Fängen der berühmten Malewitsch-Geometrie befreit. In Russland scheinen noch viele unbegangene Wege durch gut siebzig Jahre Sowjetmacht unausweichlich in die Moderne zu führen. Tschezhin mag auf einem Umweg sein, auf dem Holzweg ist er nicht.

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