Kultur : Ein Schutzschild gegen Niedertracht

So wild war die DDR: Zum Tod von Klaus Jentzsch, dem Vater der Klaus-Renft-Combo

Olaf Leitner

Ein Bauchmensch sei er, irgendwie provinziell mythisch, obwohl musiktechnisch „eine Niete“, so urteilte Kurt Demmler, DDR-Startexter der siebziger Jahre und lange Zeit Hauptlieferant für die Songs der Leipziger Klaus-Renft- Combo, über deren Gründer und Chef. In dessen Autobiografie taucht diese Feststellung wieder auf, was die Richtigkeit der Demmler’schen Bemerkung wohl bezeugt. Nein – ein Virtuose auf dem Elektrobass war er nie, der „Jenny“, Klaus Jentzsch, Jahrgang 42, der, solange es die schwindende Gesundheit zuließ, mit den immer wieder umbesetzten Nachfahren seiner Klaus-Renft-Combo tourte.

„Renft“, wie er gern erklärte, sei der Name seiner Großmutter gewesen und ein sächsisches Wort für Brotkanten. Ein Künstlername nicht ohne Symbolwert, denn an ihm hat sich die DDR-Kulturadministration oft die Zähne ausgebissen. Jenny war ein Genie an Taktik und Draufgängertum: Bauernschlau und zielstrebig trug er seine Band durch politisches Unwetter und Funktionärsattacken. Wenn er seinen Zauselbart strich und zerpflückte, eine seiner klassischen Gesten, dann war klar, der Mann heckt etwas aus, um das System zu unterlaufen.

Die Renft-Combo galt denn auch Anfang der siebziger Jahre als wildeste Band des Sozialismus. Sie hatte geniale Sänger und Gitarristen wie „Monster“ Thomas Schoppe oder Axel „Cäsar“ Gläser und den Ex-Thomaner Christian Kunert, den Alleskönner und Vollblutmusiker. Ein Bündel komplizierter Persönlichkeiten fand sich da zusammen, souverän zusammengeschnürt, beschirmt und inspiriert von Klaus Renft als Bastion gegenüber den Dämlichkeiten und der Niedertracht der Kulturfunktionäre. Liedermacher Gerulf Pannach, sozusagen assoziiertes Mitglied der Band, steuerte mit seiner Lyrik die politische Ausrichtung der Band und verlieh ihr epische Züge. Mit Pannach brachte die Renft-Combo den real existierenden Sozialismus ungeschönt auf die Bühne, sang vom tristen Arbeitsalltag, beschrieb den „Ehrendienst“ bei der NVA und wagte sich an ein so heikles Thema wie Republikflucht („Rockballade vom kleinen Otto“). Nach doppeldeutigen Songs wie „Die Ketten werden knapper“, aber auch wegen ihres rüpelhaften Auftretens unter erheblichem Alkoholeinfluss, entzog ihnen die Konzert- und Gastspieldirektion Leipzig 1975 die Spielerlaubnis. Die Band, so wurde verkündet, sei als „nicht mehr existent“ anzusehen, „weil die Texte mit unserer sozialistischen Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun haben. Weil in den Texten darüber hinaus die Arbeiterklasse verletzt wird und die Staats- und Schutzorgane diffamiert werden. Sie werden das verstehen, dass wir nicht gewillt sind, uns das auch noch musikalisch untermalen zu lassen.“ Dass dieser Text überliefert ist, verdanken wir einer Tollkühnheit des Klaus Renft, der, die Maßnahmen vorausahnend, das Verbot heimlich mitgeschnitten hatte.

Renft/Jentzsch war damals mit einer Griechin verheiratet, durfte deshalb die DDR verlassen, vorgeblich, um nach Griechenland auszuwandern. Er blieb in Westberlin, wohnte durch Vermittlung gemeinsamer Bekannter einige Wochen bei mir, bevor er eine eigene Wohnung fand. Wir drehten 1977 für den NDR den Film „Saitenwechsel“, der zu einer Verstimmung zwischen uns führte: Jenny hatte gehofft, wir könnten ihn als großen Star, nunmehr Marke West, ins Fernsehen bringen, während Regisseur Christoph Busse und ich zeigen wollten, dass die Überquerung der Mauer aus Berühmtheiten von drüben Nobodys macht, dass Stars im anderen Deutschland sehr schnell in die Anonymität stürzen können, was später auch die Kollegen Panache und Stephan Krawczyk erlebten.

Jenny arbeitete dann als Programmgestalter beim RIAS, war Inspizient an einem Berliner Theater, gründete das Projekt Windminister und scheiterte damit. Irgendwann fiel die Mauer, und irgendwann gab es wieder eine Renft-Combo. Als Jenny mit seinen Musikern und Gästen in einer Kulturscheune im thüringischen Löhmar seinen 60. Geburtstag feierte, da konnte man das Scheitern realsozialistischer Kulturpolitik eindrucksvoll studieren – sie hatte diese wundervolle Rockmusik mit ihrem Witz, ihren Frechheiten und alltagsechten Gefühlen nicht verhindern können. Bücher wie das von Erich Loest („Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“) oder Dieter Eues „Ketzers Jugend“ erinnern an die Rolle des Klaus Jentzsch in der DDR-Kultur. Und dass die Musiker da auf der Löhmarer Bühne im Westen nicht zu Stars wurden, im geschniegelten West-Einheitspop kaum eine Chance hatten oder haben, ist nun dem Versagen hiesiger Kulturmechanismen zu verdanken. Dagegen konnte auch der listenreiche Klaus „Renft“ Jentzsch nichts mehr ausrichten.

Er war schon lange krank. In der Nacht zum Montag ist Klaus Jentzsch im thüringischen Löhma im Alter von 64 Jahren gestorben.

Der Autor war Moderator beim RIAS Berlin und bei Radio Brandenburg. Er schrieb u.a. das Buch „Rockszene DDR“.

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