Kultur : Ein sehr persönlicher Blick auf Amerika

MAIKE ALBATH

Nachdenklich und bedächtig klingt die Stimme des amerikanischen Schriftstellers Louis Begley, als er im Renaissancetheater seine "Berliner Lektion" beginnt."Unerledigtes" lautet der Titel seiner Rede, "Unfinished Business".Wie kein anderer Ort ist Berlin mit Begleys privater Geschichte verbunden, der 1933 in Polen geboren wurde, im Jahr der Machtübernahme und des Reichstagsbrandes.Seine polnisch-jüdische Familie, die damals noch Begleiter hieß, konnte dem Holocaust knapp entkommen.Wie Begley in seinem großartigen Debütroman "Lügen in Zeiten des Krieges" (1991) erzählt, endete die Kindheit des Arztsohnes mit dem Einmarsch der deutschen Truppen.Das, was für den Sechsjährigen sein Zuhause war und seine Identität ausmachte, wird zerstört.Zurück bleibt die schmerzhafte Erfahrung, anders zu sein, die zu einem Leitmotiv seines Lebens werden sollte.

Die "Berliner Lektion" ist für Begley ein Anlaß, nicht nur der Frage nach seiner eigenen Identität nachzugehen, sondern diese Untersuchung zu verknüpfen mit der Frage nach der Identität Amerikas.Seine Welt- und Lebenskenntnis, die leise Ironie und seine Gabe, komplexe Zusammenhänge einfach darzulegen, haben etwas Bezwingendes.Auf der Folie der eigenen Lebensgeschichte läßt Begley anderthalb Stunden lang Stationen der jüngsten amerikanischen Geschichte Revue passieren, er spricht von Rassendiskrimierung, Antisemtismus, dem Koreakrieg, der Ermordung Kennedys, Vietnam und dem Wandel der Geschlechterbeziehungen und analysiert die Auswirkungen der gesellschaftlichen Umbrüche der 60er Jahre.

Ein halbes Jahrhundert ist es her, seitdem Louis Begley mit seinen Eltern 1947 in den Vereinigten Staaten ankam.Nicht mehr anders zu sein, sondern als normaler Amerikaner zu gelten und seine unfreiwillig empfangene Berliner Lektion zu vergessen, war für den 14jährigen ein fast physisches Bedürfnis.Als ein Land voller Hoffnung erschien dem Flüchtling die neue Heimat, die ersten Jahre waren geprägt von Schul- und Berufsausbildung.Seine Haltung beschreibt Begley im Rückblick als unpolitisch - zu sehr war er mit seinem eigenen Schicksal beschäftigt.Er erlebte Amerika zu sehr als neues Zuhause, als daß er die Ungerechtigkeiten der amerikanischen Gesellschaft hätte wahrnehmen können.Während Begley eine brillante Karriere als Wirtschaftsanwalt startete und nach dem Besuch von Harvard und dem Militärdienst in Deutschland in eine elegante Kanzelei an der Wallstreet einstieg, kämpften andere gegen die Rassendiskriminierung und bemühten sich um die Durchsetzung der Grundrechte für die schwarze Bevölkerung.Die soziale Ordnung Amerikas erfährt laut Begley erst in den 60er Jahren durch die Studentenproteste und die Hippiebewegung eine grundlegende Änderung; in politischer Hinsicht habe diese Zeit viel Gutes bewirkt, was man an der Gesetzgebung erkennen könne.Amerika sei toleranter, kosmopolitischer und weniger bigott geworden.Kulturell allerdings, fährt er fort, haben die 60er Jahre eher eine Absenkung des Niveaus bewirkt und eine Banalisierung des politischen Diskurses forciert.Allzu sehr konzentriere man sich nunmehr auf die individuellen Belange statt auf gesellschaftliche Ziele.

Obwohl Begley zu einem Berliner Publikum spricht und der geographische Ort Berlin für ihn mit unauslöschlichen Erinnerungen belegt sein muß, schwingen in seinen Worten weder Bitterkeit noch Anklage mit.Ohne den Krieg wäre er nicht der, der er heute ist; er ist sich gar nicht so sicher, ob er jenen Ludwik Begleiter, der er geworden wäre, gemocht hätte.Zu seinem Beruf als Rechtsanwalt ist vor neun Jahren der des Schriftstellers hinzugekommen.Wieder unterscheidet sich Begley von der Gruppe, zu der er eigentlich gehört, aber diese Art des Andersseins ist gewollt und lustvoll.Heute zählt Begley zu den interessantesten Autoren der amerikanischen Gegenwart.In den letzten Minuten seines Vortrages vollzieht er eine überraschende Wendung und betont die Vergeblichkeit der Lehren der Geschichte.Was den gesellschaftlichen Fortschritt angeht, bleibt er, allen auf dem Papier gelungenen Errungenschaften zum Trotz, eher skeptisch.So wie der Reisende in Baudelaires Gedicht "Le Voyage" hat er vielleicht zuviel gesehen - die menschliche Natur, davon ist er überzeugt, wird sich nicht zum Besseren wenden.Es ist ein sehr persönlicher Blick auf Amerika, den Begley seinem Berliner Publikum nahe bringt.Hoffen wir, über sein Sprechen und Schreiben weiterhin an den unerledigten Geschäften teilhaben zu dürfen.

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