Kultur : Ein Sommer mit Paul

Sehr französisch und sehr deutsch: Matthias Luthardts feintöniger Debütfilm „Pingpong“

Kerstin Decker

Die Kamera blickt starr auf Treppe und Hauseingang, beide wirken abweisend, aber dahinter, das ahnt man, muss eine andere Welt beginnen: eine behütete deutsche Mittelstandswelt. Wenn schon nichts mehr wohlbehütet ist, und die Welt schon gar nicht, sollte es wenigstens das eigene Zuhause sein. Die Franzosen machen gern Filme über diese Welt und die Kräfte, die sie zerstören. Die Deutschen eher nicht. Matthias Luthardt, Absolvent der Filmhochschule Potsdam, ist die Ausnahme. „Pingpong“ ist sein Abschlussfilm. Er lief sogar in Cannes.

Sehr deutsch. Unglaublich deutsch. Berliner Schule, nicht wahr?, bemerkten die Franzosen. Sehr französisch, unglaublich französisch!, konstatierten die Deutschen. Wer hat recht?

Sagen wir es so: „Pingpong“ ist ein frankophiler Solitär der Potsdamer Schule, eine atmosphärische Verdichtung auf engstem Raum, mitunter nachtschwarz wie Schumann. Schumann ist der große zottige Familien-Hund, der Familiensohn heißt Robert. In großen hermetischen Mittelstandswelten spielt meist einer Klavier, hier auch: aber nicht Schumann, sondern Robert (mit der emotional oft etwas unterentwickelten Intelligenz der Hochbegabten: der junge Pianist Clemens Berg). Robert übt sogar tagelang, denn gleich hat er sein entscheidendes Vorspiel an der Musikschule.

Und dann kommt Paul, 16 Jahre alt, zu Besuch. Er spürt nicht das Abweisende der Treppen, des Eingangs. Der Sommer beginnt. Als der Sommer zu Ende sein wird und Paul diese Treppen zum letzten Mal hinuntergeht, wird er eine Trümmerlandschaft hinterlassen in den Seelen der Bewohner.

Angemeldet hat er sich nicht, das Unheil meldet sich nie an, und Unterschichtenkinder nehmen das nicht so genau. Ja, Unterschichtenkind. Jedenfalls im Vergleich zu seinem Virtuosen-Cousin. Die Mittelständler reden sehr mittelständlerisch über Pauls Versagerfamilie, also in diskreten Andeutungen voller Indiskretionen. Aber es hilft nichts, Paul ist nun mal da. Vielleicht war es ein Fehler, dem Jungen beim Begräbnis des Vaters – nur Versager legen Hand an sich – zu sagen, er könne jederzeit zu ihnen kommen. Natürlich war das ein Fehler. Und Kinder wie Paul sind so unsensibel. Auf die eindringliche Frage, wie lange er denn bleiben möchte, antwortet er nur immer wieder, er weiß es nicht. Er ist bloß ein Junge, und doch der Einbruch des ganz Anderen in eine heile Welt. Sogar die unbefriedigten erotischen Neigungen von Roberts Mutter (ganz normale Neurotikerin zwischen „Zeit“-Lektüre und Naturgartenbau: Marion Mitterhammer) werden vorübergehend von dem schwarzen Urvieh Schumann abgezogen.

Sebastian Urzendowsky ist Paul. In dem schönen Film „Paul ist dead“ spielte er vor Jahren mit großem Charme einen halbwüchsigen bedingungslosen McCartney-Fan. Er ist sehr hermetikbegabt. Urzendowsky hat noch immer ein fast kindliches, offenstehendes Gesicht, manchmal wirkt es sehr leer und doch verletzlich und immer auf merkwürdige Weise unschuldig. Dieser Paul trumpft nicht auf, im Gegenteil, er versucht sich einzupassen, möglichst nicht zu stören. Die Spur der Zerstörung, die er hinterlässt, scheint nicht von ihm auszugehen. Er beginnt, das wieder in Ordnung zu bringen, was als Einziges vernachlässigt wirkt: den Swimmingpool. Wer den französischen Film „Swimmingpool“ kennt, weiß, wie so etwas ausgehen kann.

Selten war es spannender zuzusehen, wie fast nichts passiert. Nur momentweise wirkt das etwas künstlich und überanstrengt. Vielleicht sind es wirklich nur feinste Schwingungen zwischen Menschen, die am Ende die größten Katastrophen heraufbeschwören. Matthias Luthardt hat diese Schwingungen verfilmt. Das Unsichtbare also. Was zeigt Kino, wenn es eines ist, sonst?

Blow Up, fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos

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