Kultur : Ein Song ist ein Song ist ein Song

WOLF KAMPMANN

Hand aufs Herz, wer würde schon gern zu einer Band gehen, die "Composition Of Sound" heißt? Ein Name, der akademische Schwere und wenig Kompatibilität mit dem wechselnden Zeitgeist suggeriert.Und doch war genau dies das Logo, unter dem sich vor 18 Jahren Martin Gore, David Gahan, Andy Fletcher und Vince Clarke zusammenfanden.Obwohl der sperrige Name ziemlich gut den Anspruch der Gruppe beschrieb, beschloß man kurzerhand, sich künftig mit dem Titel des französischen Modeblattes "Depeche Mode" zu schmücken.Freilich geschah das damals noch nicht mit dem Kalkül, zum obskuren Objekt der Begierde gleich mehrerer Teenager-Generationen zu werden.Obwohl Depeche Mode stets die Kontrolle über ihre Geschicke in der Hand behielten, setzte spätestens mit der Single "People Are People" eine Entwicklung ein, die nur mit einem Perpetuum Mobile vergleichbar ist.Depeche Mode können tun und lassen, was sie wollen - sie werden bejubelt.Weltweit.

Heute, 18 Jahre nach Gründung der Band - die Zeit, die ein Mensch braucht, um erwachsen zu werden - machen Andy Fletcher und David Gahan kaum mehr den Eindruck von Teenager-Idolen, wenn sie sich abgekämpft in die Sessel eines Londoner Hotels drücken.Anderthalb Jahre nach Veröffentlichung ihres letzten Albums "Ultra" stecken ihnen die Proben für ihre Touree in den Knochen.Gahan lächelt bitter."Es geht heute alles ein bißchen langsamer bei uns." Depeche Mode, die mit ihren Synthie-Spielereien einen neuen Sound schufen und mit ihrer Avantgarde zum Mainstream wurden, sind sich durchaus der Zweischneidigkeit ihres Ruhmes bewußt.Gahan wirkt ehrlich, wenn er sich verkannt gibt."Ich denke, wir haben immer schräge Musik gemacht.Es mag komisch klingen, aber es ärgert mich, daß wir so erfolgreich sind.Unsere Musik hat absolut nichts mit Mainstream zu tun."

Fletcher geht noch weiter, wenn er sagt, die Karriere von Depeche Mode sei "hart und blutig" gewesen.Die Gruppe ist nie stehengeblieben, hat ihre Fans immer wieder aufs neue bis an die Grenzen der Toleranz herausgefordert.Als sie 1994 auf ihrem Album "Songs Of Faith And Devotion" zur Gitarre griffen, mag es den Electronic-Freaks gegangen sein wie einst den Hippies, als Bob Dylan die akustische Klampfe gegen die elektrische eintauschte.Gahan reagiert verständnislos."Am Anfang war uns das natürliche Instrumentarium wesentlich vertrauter, denn ich habe mit dreizehn Gitarre gelernt, und Andy begann ursprünglich als Bassist in der Band.Aber wir hatten plötzlich das Ideal einer Musik, in der Gitarren keinen Platz hatten.Es kostete uns viel Zeit, wieder zu dem Punkt zu finden, der für uns eigentlich viel natürlicher war." Man hätte, so Gahan weiter, plötzlich das Gefühl gehabt, sich selbst zu limitieren.

Schließlich sind Depeche Mode immer schon eine song-orientierte Band gewesen.Graham schreibt seine Songs seit jeher auf der Gitarre.In zweihundert Jahren, witzelt Fletcher, werde "niemand mehr fragen, ob ein Song auf einem Synthesizer oder einer Gitarre gespielt wurde".Doch Depeche Mode sind nicht mehr die Band, die sie einmal waren, nicht nur aufgrund verschiedener Wechsel auf der Position von Vincent Clarke.Heute operiert man als Trio mit Gast-Trommler Christian Aigner.Zur Tour ist gerade eine Doppel-CD mit den Singles aus den Jahren von 1986 bis 98 erschienen.Ein Rückblick auf eine der erfolgreichsten Karrieren der neueren Popgeschichte.

Doch wie geht es mit Depeche Mode weiter? Dave Gahan schlägt die Hände über dem Kopf zusammen."Seit 1986 sage ich, es ist unwahrscheinlich, daß wir eine weitere Platte machen.Und doch veröffentlichen wir immer neue.Wer weiß, wie lange noch? Vielleicht bringen wir im Jahr 2020 unser fünfzigstes Album raus.Es gibt so viele Bands, die nach einem großartigen ersten Album kontinuierlich abbauen.Wir werden mit dem Alter immer reifer."

Depeche Mode spielen heute und morgen in der Waldbühne, 19.30 Uhr

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