Kultur : Ein Speicher für alle

Hamburg als Vorbild? Von wegen: Die Museen sind pleite – die Experten empfehlen Zusammenschluss

Kia Vahland

Vor wenigen Wochen forderte das Bundesverfassungsgericht die Berliner auf, sich ein Beispiel an Hamburg zu nehmen – dort gelinge es, mit wenig Geld eine vielseitige Kulturlandschaft zu finanzieren. Das ist richtig und falsch zugleich, wie die Ereignisse der zurückliegenden Tage zeigen. Erst wurde bekannt, dass der Bau der allseits bejubelten Elbphilharmonie nach dem Entwurf der Basler WeltstarArchitekten Herzog & de Meuron 55,3 Millionen Euro teurer wird als geplant. Investoren bezahlen einen Teil, da der wogende Bau auf dem alten Kaispeicher A im Hafen auch kommerziell genutzt werden soll, etwa von einem FünfSterne-Hotel. Dennoch bleiben 37,3 Millionen Euro Mehrkosten übrig, welche die Stadt übernehmen muss. Das tut sie auch deshalb bereitwillig, weil private Mäzene für das neue Wahrzeichen der Stadt schon jetzt über 64 Millionen Euro gespendet haben.

Nun ist es eine Sache, sich im Glanz eines Großprojektes zu sonnen, das Tatendrang, Stilbewusstsein und Zukunftsorientierung verkörpert. Etwas anderes ist es, Verantwortung zu übernehmen für so wenig repräsentative Dinge wie ein sicheres und gut klimatisiertes Museumsdepot. Oder für Bestandskataloge von Gemäldesammlungen, afrikanischen Masken oder historischen Plakaten. Oder auch nur Wegweiser und Fahnen aufzustellen an der Hamburger Kunstmeile, die in Bahnhofsnähe Kunsthalle, Kunstverein und das Ausstellungshaus Deichtorhallen vereint. All dies geschieht nicht, wie gerade eine Expertenkommission feststellte, die die Arbeitsweise und Haushaltslage der Hamburger Museen untersucht hat.

Die Bestandsaufnahme ist von überregionaler Bedeutung, weil die sieben Hamburger Landesmuseen 1999 in Museumsstiftungen überführt wurden, ein Pionierprojekt, dem andere Städte wie Bremen folgten. Die Einrichtungen sind zwar nach wie vor der Kultursenatorin unterstellt, sie können aber alle wichtigen Entscheidungen eigenverantwortlich treffen – auch die finanziellen.

Dies ist heikel, denn die Stiftungen verfügen lediglich über ein symbolisches Kapital von einem Euro, sind also ganz auf die Zuwendungen des Senats angewiesen. Weil das Geld aber trotz eines einmaligen Zuschusses von 2,5 Millionen Euro nicht reichte, um sowohl die Betriebskosten zu bezahlen als auch Sammlungspflege zu betreiben und Ausstellungen zu organisieren, haben die Museen nicht nur die Inventarisierung ihrer Sammlungen vernachlässigt. Sie griffen auch auf die Etats späterer Jahre vor und häuften so Schulden von über acht Millionen Euro an – eine Situation, die nach Einschätzung der Kommission in der Privatwirtschaft schon zum Bankrott hätte führen müssen.

Die fünf Experten, darunter Reinhold Baumstark, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, und Steven Engelsmann vom Völkerkundemuseum in Leiden, finden in ihrem Bericht bei allem Wohlwollen klare Worte. „Bestandsgefährdend“ sei die wirtschaftliche Lage. Und nicht einmal die Frage, was sie eigentlich besitzen, könnten die Museen beantworten. Manche ihrer Wirtschaftspläne seien „völlig unrealistisch“, es mangele an überprüfbaren Zielvereinbarungen mit der Kulturbehörde. Das einzige nicht verschuldete Hamburger Haus, das Völkerkundemuseum, mache in seiner Präsentation „einen etwas veralteten Eindruck“ und habe keinen umfassenden Plan für die Aufarbeitung seiner Sammlung.

Als Erstes empfiehlt die Kommission eine einmalige Entschuldung der Museen durch den Senat. Danach fordert sie eine Umstrukturierung. Zwar könne es bei dem Stiftungsmodell bleiben, aber statt einem Duo aus kaufmännischem und künstlerischem Direktor solle nur noch der Museumsdirektor an der Spitze stehen. Das spare Geld und kläre die Verantwortlichkeiten. Auch solle die Kultursenatorin nicht mehr den Stiftungsräten vorsitzen, sondern an ihrer Stelle fachkundige Vertraute entsenden, um Interessenskonflikte zu vermeiden.

Einen Zusammenschluss aller Hamburger Häuser unter einer Marke lehnt die Kommission ab, da die Stadtmuseen eine andere Klientel hätten als die Kunstmuseen. Wohl aber fordert sie eine Vereinigung jener Museen, die sich mit Hamburg beschäftigen, also des Museums für Hamburgische Geschichte, des Altonaer Museums, des Museums der Arbeit und des Harburger Helmsmuseums, das sich der regionalen Archäologie widmet. Mit Ausnahme dieser Institution sind alle Stadtmuseen auf die Seefahrt und den Hafen spezialisiert. Ihren geballten Sachverstand könnten sie einsetzen, um dem privaten „Maritimen Museum“ Paroli zu bieten, das gerade in der Hafencity entsteht – mit 30 Millionen Euro plus einem Pachtvertrag vom Senat üppig gefördert.

Alle staatlichen Museen sollten gemeinsam einen „Kulturspeicher“ errichten, meint die Kommission – also ein Depotgebäude für Sammlungsstücke, die nicht in ständiger Reichweite sein müssen, am besten verbunden mit einer zentralen Restaurierungswerkstatt. Ein solcher Speicher wäre nicht nur geräumiger als die bisherigen Räumlichkeiten, er würde auch dringend benötigte Ausstellungsfläche in den Museen freimachen.

Auf weniger Gegenliebe als dieser pragmatische Gedanke stößt der Vorschlag, auch die Kunsthäuser neu zu ordnen. Weil die Deichtorhallen seit Jahren als Ausstellungshaus brillieren, sollen sie nach dem Vorschlag der Experten künftig der Kunsthalle und dem Museum für Kunst und Gewerbe aus der Klemme helfen. Die Galerie der Gegenwart, der zeitgenössische Teil der Kunsthalle, übernähme demnach die nördliche Deichtorhalle; die südliche Halle, die die Fotosammlung Gundlach und das „Spiegel“Bildarchiv beherbergt, würde mit der Fotoabteilung des Kunstgewerbemuseums fusionieren.

Aber alle Betroffenen, von der Kultursenatorin bis zu den Museumsdirektoren, lehnen diese Idee ab. In der Tat ist schwer vorstellbar, dass das kreative Programm der Deichtorhallen mit Ausstellungen zu Pierre Bourdieu oder Hans Haacke eine solche Institutionalisierung unbeschadet überstehen würde. Stattdessen soll nun fallweise kooperiert werden, etwa bei Themenausstellungen.

Selbst wenn nicht alle Empfehlungen der Kommission tragfähig sind, könnte sie die Hamburger Kulturpolitik doch wachrütteln. Und daran erinnern, dass die wenig glamouröse Bestandspflege zu den ureigenen Aufgaben der Hansestadt gehört, die ihr keine wie auch immer konstruierte Stiftung und schon gar kein Mäzen abnehmen kann.

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