Kultur : Ein Spiegel seines Lebens

Jan Schulz-Ojala

Der zweite Sieger ist der erste Verlierer. Der unberechenbare Finne Aki Kaurismäki, den die Jury "nur" mit ihrem Großen Preis, nicht mit der Palme aller Palmen bedenkt, quittiert das Lob auf seine Weise. Statt gleich ans Mikro zu gehen am Sonntagabend im Festivalpalast von Cannes, sagt er dem Juryvorsitzenden David Lynch etwas ins Ohr - nichts Freundliches, wie man vermuten darf. Hält sodann am Pult die kürzeste Rede aller Zeiten: "Ich danke zuerst mir selbst", kleine Kunstpause, "... und dann der Jury." Stürzt zurück auf seinen Platz im Kinosaal, nicht in die Kulissen, wo sich protokollgemäß die anderen Preisträger versammeln. Und als das Publikum Kaurismäki denn doch zum Weltkino-Klassenfoto dieses Jahrgangs hinauf aufs Podium geklatscht hat, verschwindet er sofort hinter der Phalanx der anderen. Dort drängt sich David Lynch zu ihm und spricht - Besänftigendes, wie man vermuten darf.

Große Stoffe, große Gefühle

Nein, es ist kein Eklat, mit dem dieses 55. Filmfestival von Cannes endet, eher die offene Bekundung von Schmerz. Und so wie manche rhythmisch zu applaudieren beginnen, als Kaurismäki auf der Bühne steht, und manches Buh erklingt, als Lynch in Sachen Goldene Palme den Namen Polanski ausspricht, so mag man zumindest diese eine unverstellte Enttäuschung teilen. Denn Kaurismäkis "Mann ohne Vergangenheit" war das Ereignis dieses Festivals. Nach einer lauen ersten Häfte feierte Cannes wundersam Auferstehung mit dem zauberhaften Film über einen Schweißer, dem der Gedächtnisverlust ein neues Leben (und eine neue Liebe) schenkt. Dieses Festival also hatte nicht nur angestrengte Genre-Experimente, arg flaches Sozialarbeiterkino oder ehrenwerte Kommentare zu Politik und Geschichte im Repertoire. Sondern auch große Stoffe mit großen Gefühlen. Am größten zu fühlen in kleinen Filmen wie jenem vom Mann ohne Vergangenheit, der plötzlich eine Zukunft hat, ein Neugeborener mitten im Leben.

Mag sein, dass die Jury ein schlechtes Gewissen beschlich, so über den künstlerisch herausragenden Kritiker- und Publikumsliebling hinwegzugehen - und so gab es für Kaurismäkis herbe ewige Traumfrau Kati Outinen zusätzlich einen zumindest trostreichen Darstellerpreis. Die Goldene Palme aber holte, unabänderlich und mit eigenem Recht, der bereits sechsmal in Cannes vertretene und bislang immer leer ausgegangene Roman Polanski. Sein "Pianist" bedeutet, nach so mancher Palme für den kompromisslosen Autorenfilm, die Rückkehr des Festivals zum ebenso aufwändigen wie breitwandigen Weltkino. Vielleicht sollte, musste das auch einmal wieder so sein. Kein Wunder auch bei dieser Jury - waren darin doch mit den Regisseuren Bille August, Régis Wargnier und Raoul Ruiz und den Schauspielerinnen Michelle Yeoh und Sharon Stone ganz überwiegend Leute vertreten, die selbst dieser kinematografischen Gewichtsklasse alles zu verdanken haben.

Das soll den Erfolg für den "Pianisten" nicht schmälern. Dieser Film hat ein unleugbar gewaltiges Thema - und ist noch dazu als persönlicher Blick auf etwas gelungen, das immer mehr in die zementierte Erinnerung der Geschichtsbücher entrückt. Wie wollte man ein solches Vorhaben nicht ehren? Einen Film, der die Kriegsjahre in Warschau aus der Perspektive eines jungen jüdischen Pianisten zeigt, der das Ghetto, die Zwangsarbeit, die Verwahrlosung in immer gefährlicheren Verstecken und schließlich die Einäscherung der Stadt nach dem polnischen Aufstand übersteht. Einen Film nach den Memoiren von Wladislaw Szpilman, den man sehr fern als das Alter Ego seines Regisseurs sehen kann, der selbst im Krakauer Ghetto aufwuchs. Und der der Deportation nur dadurch entkam, dass sein Vater ihm im entscheidenden Augenblick "Hau ab!" zurief.

Polanski hat sich bislang immer gewehrt, sich diesem eigenen Lebenstrauma zu stellen, und auch die Verfilmung von "Schindlers Liste" abgelehnt. Nun aber war, in der Wiederinszenierung einer real anderen Biografie, offenbar die Zeit dafür reif. Und, siehe da, "Der Pianist" ist ein erstaunlich unpathetischer Film geworden - gerade im unbeirrten Blick auf einen Künstler, der nur durch sein aberwitziges Aushalten in einer für ihn und die Seinen zugerichteten Hölle zum Helden wird. Wie Kaurismäki erzählt Polanski vom Sieg des Lebens über den Tod: Nur stellt er ein kleines Leben vor einen ungeheuer größeren Maßstab.

Mit diesem Film sieht der mittlerweile 68-jährige Polanski kühl und mutig in einen tunlichst lebenslang trüb gehaltenen Spiegel - und das ist es, was ihn vor allem groß macht. Nicht die 35 Millionen Euro Herstellungskosten, nicht die Koproduktion zwischen Polen, Frankreich und Deutschland, nicht die aufwändigen Dreharbeiten in Babelsberg, nicht der vorzüglich laufende Weltverkauf. Mitten im Tosen seiner Geschichte bleibt "Der Pianist" das intime Porträt eines aus seiner Welt herausgerissenen Künstlers. Und als er, in größter Gefahr, wieder in sie zurückkehren darf und muss, überwältigen Schmerz und Angst und Glück in gleicher Weise.

Die Debatten aber haben in Cannes andere Filme ausgelöst - Michael Moores furios engagierter "Bowling for Columbine" etwa, in dem er am Beispiel des Schulmassakers von Littleton die kollektive Waffen-Narretei der Amerikaner anprangert (und wofür es den extra ins Leben gerufenen Preis zum 55. Geburtstag des Festivals gab). Abgesehen von diesem ersten Dokumentarfilm seit 47 Jahren im Wettbewerb stellten sich verblüffend viele Filme "unserer Welt im Aufruhr", wie es Jury-Präsident David Lynch formulierte. Am zwiespältigsten wurde "Intervention divine" des Palästinensers Elia Suleiman aufgenommen. Aber auch die beiden Preise - der Preis der Jury, gewissermaßen die Bronzemedaille von Cannes, und der Hauptpreis des internationalen Filmkritikerverbands Fipresci - für diesen zweiten Langspielfilm des 42-jährigen Suleiman sind alles andere als ein Skandal.

Die Diskussionen um diesen Film, der mit melancholischer Ironie von der sich immer mehr deformierenden Nachbarschaft zwischen Palästinensern und Juden in Israel erzählt, entzünden sich an zwei deutlich vom Rest des Geschehens getrennten Szenen. Einmal schwebt ein mit dem Konterfei von Arafat geschmückter roter Luftballon über einen israelischen Kontrollpunkt bis zum Felsendom nach Jerusalem. In einer zweiten Vision, bunt und laut wie ein Videoclip, streckt eine Art palästinensische Lara Croft einen Trupp Soldaten bei deren Schießtraining nieder. Der wiederum hatte zuvor das Feuer auf sie eröffnet, als sie hinter einer Reihe von palästinensisch kostümierten Schießbudenfiguren hervorgetreten war.

Zartes Echo harter Zeiten

"Intervention divine" - ein Aufruf zum letzten palästinensischen Gefecht, ein flammender Appell, die Israelis endlich ins Meer zu treiben? Nein, diese Szenen leben nur in den Köpfen eines stillen palästinensischen Liebespaars, das wegen israelischer Straßenkontrollen immer auf einem Parkplatz am Checkpoint zusammenkommt; sie sind mal kindlich verspielte, mal gewalttätig aufgewühlte Bilder einer Verletzung, Traumfiktionen innerhalb der Fiktion namens Spielfilm. Anders gesagt: das geradezu rührend zarte Echo einer Realität, in der zwei Völker auf einem Staatsgebiet längst Krieg gegeneinander führen.

Richtig aufregen in Cannes wollte nur Gaspar Noés "Irréversible", der schlechteste unter den vier mäßig bis schlechten französischen Beiträgen, die allesamt leer ausgingen beim großen Ruhmverteilen. Und als der Skandal abgesagt war wegen erwiesener Dummheit des Regisseurs, half es den Produzenten auch nicht mehr, nun das Festival der Skandalsucht zu bezichtigen. Am Montag nach dem insgesamt friedlichen, filmisch schließlich befriedigenden Festival hat Cannes alles vergessen: Die Schaufenster dekorieren um für die Fußball-WM, die Kneipen sind geschlossen, der Zwölftage- und Nächtelaufsteg namens Croisette: gespenstisch leer. Wie abgesperrt für einen Film, den Film von einer Stadt am Meer, einer Stadt wie viele andere.

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