Kultur : Ein Spiel und ein Zeitvertreib

Karl Lagerfeld fotografiert den schönsten Mann der Welt: C/O Berlin zeigt „One Man Shown“

Grit Thoennissen

Er ist ein Model, und er sieht gut aus. Karl Lagerfeld geht noch weiter: In dem Moment, wo Brad Kroenig zum Model wird, sieht er gut aus, aber: „Er stirbt, sobald das Licht der Scheinwerfer erlischt“, schreibt der Modedesigner. Ganz sicher ist man nicht, ob sich dahinter ein besonders glamouröses Lob verbirgt oder Grausamkeit. Denn Kroenigs scheint wie viele seiner Kollegen Gefangener einer professionellen Selbstdarstellung zu sein, die ihm die Seele raubt. Ein Timm Thaler des Blitzlichts. So ist der Verlust dessen, was man Unschuld oder Natürlichkeit nennen kann und das einem Gesicht als sein Ureigenes anhaftet, Ausgangspunkt für die Ausstellung „One Man Shown“, die morgen im C/O Berlin eröffnet wird. Man sieht einen Menschen, der omnipräsent ist, aber nie ganz da.

So gut sieht der US-Amerikaner Brad Kroenig aus, dass er es bis zum bestbezahlten männlichen Model der Welt geschafft hat. Sein Gesicht und sein Körper sind für Kampagnen von Fendi, Hermes, Roberto Cavalli und für die Mode von Karl Lagerfeld abgelichtet worden. Doch er selbst ist ein Niemand, über den man kaum etwas erfährt. Laut der Internetseite „Celebrity Male Models“ ist sein Spitzname „Darlin’“, sein Lieblingsbuch Harry Potter, und am liebsten hört er Madonna und Led Zeppelin. Er wurde auf Partys zusammen mit Mike Tyson, Nicole Kidman und Tom Cruise gesehen. Doch nach mehr als sieben Jahren als Model langweilt es ihn, eine öffentliche Person zu sein.

Der Mode-Tycoon und passionierte Fotograf Lagerfeld hat Brad Kroenig auf dem Weg vom heimwehkranken Fußballer mit College-Stipendium bis hin zum Branchenstar immer wieder fotografiert. Kroenig ist stets allein auf diesen Porträts, mal mit der New Yorker Skyline im Hintergrund, mal schaut er den Betrachter durch eine Fensterscheibe an oder sitzt am Steuer eines historischen Busses. Nackt ist Brad Kroenig oft – oder zumindest mit freiem Oberkörper oder freigelegten Bauchmuskeln zu sehen. Dabei ist ein durchtrainierter Körper ja per se das Gegenteil von unbewusster Natürlichkeit. An Muskeln muss man arbeiten, um sie aus dem Körper herauszumodellieren, und zeigt sie als Attribute seines Fleißes.

Das lässt vermuten, dass Karl Lagerfeld mit Natürlichkeit und Anmut anderes meint, als der deutsche Fotograf Wolfgang Tilmans, der seine Freunde dazu bringt, nackt auf Bäume zu klettern. Oder die amerikanische Künstlerin Nan Goldin, die ihr Umfeld in intimsten Situationen fotografiert, ohne sie dafür posieren zu lassen. Auf Karl Lagerfelds Bildern hingegen ist sich der Fotografierte immer seiner Pose bewusst. Auch wenn diese, wie auf den frühen Porträts von Brad Kroenig, vielleicht nicht einstudiert wirkt, weil er noch nicht um den materiellen Wert seiner Ausstrahlung, seiner Begabung, sich vor der Kamera zu bewegen, weiß.

Wenn es Lagerfeld nicht um die Person geht, um die seine Langzeit-Studie kreist, was interessiert den manischen Sammler schöner Dinge dann?

Es gibt einen Kinofilm über männliche Models, „Zoolander“ von und mit Ben Stiller. Der spielt das Supermodel Derek Zoolander, das nur einen Gesichtsausdruck vor der Kamera beherrscht. Den starren Blick mit vorgestülpten Lippen nennt Derrek „Blue Steel“, und weiß die Modewelt immer wieder in Verzückung zu versetzen. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als Zoolander darüber nachzudenken beginnt, „ob es mehr im Leben gibt, als sehr, sehr gut auszusehen“.

Auch Lagerfeld findet auf diese Frage keine Antwort. Jedenfalls nicht als Fotograf. Er arbeitet sich in seinen oft unscharfen Schwarzweiß-Bildern vielmehr durch das Gestenrepertoire eines jungen Mannes, der immer auf dieselbe stoische Weise gut aussieht. Models können das. Sie wollen nicht wie Schauspieler hinter verschiedenen Rollen verschwinden, mit denen sie identifiziert werden. Ein Model, wie es Kraftwerk vor über dreißig Jahren besungen haben, ist ein Mensch ohne Mängel, ein Wesen ohne Geheimnis.

„Ungerechterweise erlauben wir nur schönen Menschen diese distanzierte Haltung der Unnahbarkeit“, lässt sich Karl Lagerfeld im Vorfeld der Ausstellung zitieren. Der Chefdesigner von Chanel interessiert sich nicht für das Normale. Für sein fotografisches Nebenwerk arbeitet er oft mit Models zusammen, deren Gesicht man garantiert schon irgendwo gesehen hat. Viele der Bilder wirken dann auch wie die Fortsetzung der Arbeit eines Modedesigners, der die eigenen Werbekampagnen fotografiert.

Überraschung schafft Karl Lagerfeld lieber durch seine Omnipräsenz: Er entwirft mehrere Modelinien, verlegt Bücher zusammen mit dem Göttinger Steidl-Verlag, der jetzt auch die Berliner Ausstellung organisiert, sein Rat ist bei der Inneneinrichtung nobler Häuser gefragt, er nimmt vierzig Kilo ab und fotografiert mit aufwändigster, oft altmodischer Technik. Man muss also vermuten, dass bei Karl Lagerfeld die Scheinwerfer nie ausgehen und sie ihn blenden für all das, was außerhalb seines Lichtkegels passiert. Sein Credo: „Ich weiß nicht, ob ich einen besonderen Blick auf die Dinge habe und ob sich dieser in meinen Fotografien zeigt. Wie soll ich das wissen? Ich habe noch nie durch anderer Leute Augen gesehen. Es interessiert mich auch nicht.“

Bei „One Man Shown“ würden die Bilder ohne das Wissen um die Protagonisten und ihr kommerzielles Gewicht nicht funktionieren. Dabei hat Karl Lagerfeld, einmal nach seiner Arbeitsweise befragt, Voltaire mit dem Satz zitiert: „Alles, was einer Erklärung oder Beschreibung bedarf, taugt nichts.“ So ist Lagerfeld ein Künstler der öffentlichen Obsession, die vom Schönen nicht genug kriegen kann. Seine Brad Kroenig-Serie wirkt wie eine Liebesgeschichte, ohne dass Liebe darin vorkommt – ein Spiel und ein Zeitvertreib. Nur Kroenigs Bauchmuskulatur scheint mit den Jahren immer stärker „definiert“ zu sein.

Karl Lagerfeld, One Man Shown, Postfuhramt, Oranienburger Straße, Mitte, bis 4. Februar, tgl. 11–20 Uhr.

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