Kultur : Ein Spielplatz für Gedankenfreiheit

ULRIKE KAHLE

Josef Bierbichler, Schauspieler bei und Freund von Herbert Achternbusch, Bayer, widerspenstig, wollte aus dem Film "Neue Freiheit Keine Jobs" vom Achternbusch seine erste Theaterregie machen.Achternbusch wunderte sich und erlaubte es, weil das bittere Wermutskraut und das kräftige Leid des inneren Sepp Bierbichler zusammenpassen."Originalgenie" Achternbusch, Filmregisseur, Schriftsteller, Maler und Josef Bierbichler, der unverwechselbare, große Schauspieler - eine vielversprechende Kombination.Aus Achternbuschs München wurde auf der Bühne im Hamburger Malersaal ein Zoo oder ein Museum, was man daran erkennt, daß ein Wärter mit Mütze, vorher Kartenabreißer, während der Aufführung hinter einem eisernen Zaun sitzt vor einer Tür zur Bühne und Leute reinläßt, die mitspielen.Manchmal kommen sie aber auch einfach so, von der Seite, sind also schon da, im Theater.Die vielen vertrackten Bedeutungsebenen von Wirklichkeit und Theater wuseln schön achternbuschig und bierbichlerisch durcheinander.Wir sehen jedenfall erstmal einen Sandkasten mit kleiner Pfütze, in dem stecken die Münchner Frauentürme, oberstes Drittel, aus Pappe.Viele Bänke und viele dieser formschönen deutschen Abfallkörbe umrahmen den Spielplatz.Anfangs sitzen eine Menge Menschen, Obdachlose? Schauspieler? im Dämmerlicht auf den Bänken drumherum, während die Zuschauer hereinkommen.Sie verbeugen sich, wenn das Bühnenanlicht angeht und gehen ab.Dann wird es dunkel, die Schauspieler nehmen ihre Plätze ein, ein Hund bellt.Sehr lustig, denkt man, ein Mensch bellt wie ein obdachloser Hund, den man von seinem Stammplatz vertreiben will.

Es ist aber ein wirklicher Hund, der leider nicht wieder auftritt.Deshalb müssen es echte Obdachlose sein, die hier Obdachlose spielen und später Urmenschen.So durchdrungen von Wirklichkeit ist das Hamburger Schauspielhaus, schon dank Marthalers ziemlich echten Schlaf-, Sport- und Gesangsszenarien als traurig-komisches Symbol bundesdeutscher Wirklichkeit, erst recht seit Schlingensiefs Entdeckung der Obdachlosen als echte Menschen und seiner Verwandlung von Wirklichkeit in Theater und umgekehrt.Auch in Castorfs Hamburger "Fledermaus" spielten echte Peepshowdamen mit und Bierbichler ist würdiger Mitmischer im aufrührerischen Quartett.Was spielen sie? Daß Theater wirklicher wird und wütender und Wirklichkeit mehr wie Theater.In Achternbuschs Film, der jetzt ein Stück ist, geht es darum, daß es zu wenig Lehrer gibt und zu viele Polizisten, zu viele Arme und zu viel Arbeitslosigkeit, und daß Kohl deshalb weg muß.Es geht um das Demonstrationsrecht, das die zu vielen Polizisten aufrecht erhalten, es geht um die Baummenschen, die einfach nur herumstanden, bis sie von den beweglichen Schlangenmenschen vertrieben wurden, es geht um Fortschritt und drei Frauen, die wenig von einem Mann haben.Peter Brombacher spielt diesen Mann namens Hicks ziemlich schön verlegen, schiebt sich langbeinig auf leicht unsicher wiegendem Schritt schräg über die Bühne und sagt schöne Sachen ganz trocken.

Jean-Pierre Cornu tritt auf und heißt auch so, im Film spielte die Rolle Filmregisseur Kaurismääki.Cornu hat einen Koffer und in 16 Hotels kein Bett gefunden.Deshalb schläft er bei Hicks auf der Parkbank.Alle haben ziemlich wenig zu spielen.All die tollen Schauspieler, Wolfgang Pregler, Andreas Lechner, Martin Horn und Bernd Grawert, die Polizisten spielen und das Transparent halten, auf dem steht, daß Kohl weg muß.Sie halten es und lösen sich deutsch und ordnungsgemäß ab, weil das Demonstrationsrecht gewahrt bleiben muß, auch wenn der Demonstrant, das ist Hicks, abwesend ist, weil er mal pinkeln muß und dann lieber die Polizisten demonstrieren läßt.

Hinter dieser Sandkasten-Szenerie, in einem wahnsinnig schönen Schaukasten in Breitwandformat von Anna Viebrock, in kitschiger Urlandschaft mit Flamingos und Verbotsschildern sitzen Almut Zilcher und Bettina Engelhard, die immer schöner wird mit jeder Rolle, und Monica Bleibtreu ganz still und stumm wie hinter Glas und dürfen nur selten reden.Eine ist wohl die Geliebte, eine die Tochter und eine die Frau von diesem Hicks, tragen Märchenhaftes und Mythisches bei und ein bißchen Gefühl.Dazu schleppt der diesmal aufs Köstlichste staubtrockene Stephan Bissmeier halbnackte Urmenschen in den Schaukasten, die später in Aktionen ausbrechen und einen sehr großen Häuptling haben, und dieser verbietet seinen Urmenschen das Vergnügen, statt sich gegenseitig zu ohrfeigen mit einem Stein die Köpfe blutig zu schlagen.Weil das bedeuten würde, in die Steinzeit fortzuschreiten."Macht das nicht, sonst kommt die Steinzeit.Dann kommt die Stadtzeit.Dann die Neuzeit und dann die Arbeitslosigkeit.Die alte Freiheit ist die beste! Immer Beschäftigung!"

Am Ende ist alles nur ein Film und eine gnadenlos gute Parodie, was heißt Parodie, das Abbild eines blöden Fernsehregisseurs und seiner blöden Tätigkeit, nämlich die Wirklichkeit zu fälschen.Und Kohl ist zwar inzwischen wirklich weg, aber doch da: Es stört nämlich ein Mann auf der Bühne, der aussieht wie Kohl, allerdings Günther Hilmer heißt und ist und spielt.Oh Wirklichkeit! Oh Schrecken! Manchmal ist die Inszenierung sehr komisch, manchmal sehr klug, manchmal kryptisch, wie man das so von Achternbuschs Filmen gewohnt ist, insgesamt vielleicht etwas komischer und gestraffter.Doch was tun mit der Inszenierung, wenn Kohl wirklich weg ist? Dann muß Bierbichler zum Schluß immer selbst auftreten und sich verbeugen, so scheu und verschmitzt lächelnd wie bei der Premiere und tapsend wie Faust oder der Unhold aus "Arsen und Spitzenhäubchen" und wir wissen endlich, es gibt keine Wirklichkeit, sondern nur Theater.

Weitere Aufführungen am 22., 23., 25., 26.und 27.9.

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