Kultur : Ein Star tritt ab

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von Christiane Peitz

Ein Mann wirft seinen Job hin. Klar, Kanzlersein ist kompliziert, nicht nur beruflich. Auch die Freizeitgestaltung birgt ihre Tücken. Zum Beispiel kann der Kanzler nicht einfach ins Kino gehen. Erstens ist das wegen der Sicherheit blöd. Zweitens wählt er garantiert den falschen Film: Guckt er sich einen HollywoodKassenschlager an, schadet er der deutschen Branche. Guckt er sich eine deutsche Produktion an, gilt sein Horizont womöglich als beschränkt. Wenn Schröder auch noch, wie am Samstagabend, auf dem Filmfest von Locarno auftaucht, hat er praktisch keine Chance mehr. Die einen können ihm vorwerfen, er missbrauche die internationale Plattform des Festivals, um Wahlkampf im Ausland zu machen. Und die anderen sagen: Was, der hat mitten im Wahlkampf noch Zeit, ins Kino zu gehen?

Ein Mann wirft seinen Job hin. Der Film, den der Kanzler auf der Piazza, auf der mit 26 mal 14 Metern größten Leinwand Europas, gesehen hat – dieser Film ist der neue Wim Wenders, heißt „Don’t Come Knocking“ (zu deutsch: Lasst mich in Ruhe!) und erzählt genau davon. Ein abgehalfterter Western-Held haut vom Set ab. Howard Spence, gespielt von Sam Shepard, war mal ein richtiger Star. Aber jetzt verblassen seine Plakate in den Kneipen. Also stellt er die Vertrauensfrage an seine gesamte Existenz und schmeißt hin. Mitten im mühsamen Wüsten-Dreh (!) von „Phantom des Westens“ (!) macht sich der Kerl vom Acker, verschenkt seine Stiefel und läuft auf roten Socken (!) durch die Prärie.

Dieser Howard sagt, er sei irgendwie am Ende des Wegs angekommen, einem „Weg voller kleiner Katastrophen“. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sei einfach alles den Bach runtergegangen. Halt, stopp, das kann man doch nicht vergleichen! Beim Kanzler geht es schließlich nicht nur den Bach runter, die Umfragewerte für ihn sind neuerdings besser. Er kann es sich also leisten, die herbeigeeilten Journalisten am Rande der Piazza um Verständnis zu bitten, dass er heute Abend einfach nur einen Film sehen möchte, bevor er am Sonntag wieder tüchtig arbeitet und mit Verheugen und Schweizer Kollegen europäische Fragen erörtert. Und er kann sich bescheiden darüber freuen, dass Wim Wenders, dieser Deutsche in Amerika – bei dieser Wahl kann niemand meckern! – „hier die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient“.

Der Kanzler als Zuschauer. Und das Kino als Lebenstraining. „Don’t Come Knocking“ erzählt auch, wie einer, der immer nur Hauptrollen spielte, feststellen muss, dass er im wirklichen Leben nur noch Nebenrollen hinkriegt. Vor zwei Jahren übrigens war Schröder auch schon da. Damals war des Kanzlers Zeit noch kein bisschen abgelaufen, er sah auf der Piazza „Calendar Girls“, und in Locarno wurde Deutschland gewählt: „Das Wunder von Bern“ erhielt den Publikumspreis. Das letzte Bild von „Don’t Come Knocking“ zeigt eine Wüstenstraße mit dem Schild „Divide 1, Wisdom 52“. Die Macht zu teilen, geht schnell, nur zur Weisheit ist es meilenweit. Wenders hat sich übrigens gewünscht, dass der Kanzler bis zum Schluss bleibt.

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