Kultur : Ein Staubkorn im Wind

Nüchterner Zauber: Wislawa Szymborskas letzte Gedichte.

Nico Bleutge
Grande Dame. Wislawa Szymborska vor der Nobelpreis-Vergabe in Stockholm im Jahr 1996. Foto: Reuters
Grande Dame. Wislawa Szymborska vor der Nobelpreis-Vergabe in Stockholm im Jahr 1996. Foto: Reuters

Bisweilen kann das Leben verrückt erscheinen mit all seinen Dimensionen und Formen. Wer aber einen Blick durch das Mikroskop wirft, für den werden sich die Dinge vollends ändern. Denn hier, unter Glas, tut sich plötzlich eine Welt unbekannter Wesen auf. Und ihre Wirkung ist gewaltig. Sie mögen nicht einmal wissen, ob es sie gibt oder nicht, doch in ihrer Sphäre sind die vertrauten Kategorien gesprengt: „Ein Staubkorn im Wind ist bei ihnen ein Meteor / tief aus dem Kosmos, / und ein Fingerabdruck – eine weites Labyrinth, / wo sie sich versammeln können.“

Etwas Schöneres als eine solche Welt der verschobenen Perspektive war für Wislawa Szymborska kaum denkbar. Ihre liebste Form sollte die Möglichkeit sein. Das scheinbar Feste verstand sie in ihren Gedichten mit nur wenigen Worten so zu drehen, dass plötzlich nichts mehr sicher schien und die Sprache wieder zu leuchten begann. Sie musste sich nur ausmalen, die Dinge könnten sprechen – schon nahmen die Gedanken ihren Lauf: „aber wenn sie sprechen könnten, könnten sie auch lügen. / Vor allem die gewöhnlichen, wenig geschätzten, / um endlich Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.“ Die Vorstellung, unsere Wörter könnten sich genau mit den Erscheinungen decken – „nichts hinzuzufügen, nichts wegzunehmen, zu ändern oder umzustellen“ – fand sie schrecklich. Kurz vor ihrem Tod im Februar 2012 hatte sie noch einen Band aus schon veröffentlichten und neuen Gedichten zusammengestellt. Nun kann man sich diese Sammlung ihrer letzten Möglichkeitsverse in einer klugen Übersetzung ansehen.

Die Neugier und das Staunen über die vielen „Blickpunkte“ durchziehen die Gedichte von der ersten Zeile an. Szymborska hinterfragt noch das unscheinbarste Detail – und immer wieder wundert sie sich, dass etwas überhaupt zur vermeintlichen Tatsache werden kann. Wie das geschieht? In jedem Fall hängt es davon ab, dass jemand anwesend ist, der sieht, was passiert. Ohne den Beobachter, er mag ein „Fernrohr vor den Augen“ haben oder einfach nur am Fenster stehen, scheint kein Ereignis möglich. Diese feine Skepsis und das Wissen um die Relativität aller Erscheinungen verleihen Szymborskas Gedichten ihren suchenden Ton.

Und sie bestimmen auch die Form der Verse. Dafür, dass die Gedichte eigentlich eine Bewegung des Labyrinthischen preisen, „dieses Treppchen hinauf, / oder jenes hinab“, sind sie überraschend klar gebaut. Meist spannt Szymborska mit ein paar Bildern eine Szene auf, die sie dann in ein Gefüge aus Reflexionen und Fragen überführt. Und obwohl sie gerne wissenschaftliche Begriffe benutzt, wirken die Gedichte sehr zugänglich. Diese Kunst der Klarheit dürfte einer der Gründe dafür gewesen sein, dass man ihr 1996 den Nobelpreis verlieh. Bei aller Klarheit hat sie gleichwohl einen Sinn für das Rätselhafte der Dinge. Wie in jenem Stück, in dem der Autor seine Verse einer Gruppe von Blinden vorliest, wird bei ihr „jeder Satz / auf die Probe der Dunkelheit gestellt“.

Je weiter das Dichterleben voranschreitet, desto nüchterner wird Szymborskas Blick auf die Welt und deren dunkle Stellen. In einigen späten Gedichten schaut sie zurück auf die eigene Geschichte, denkt an den Teenager, der sie einmal war, und betrachtet alte Fotografien. „Keinerlei Rührung“, lautet das trockene Fazit. Doch ihre Vorliebe für das, was man sich nur ausmalen oder mit geschlossenen Augen sehen kann, lässt niemals nach. Im Schlussgedicht des Bandes schwankt sie wieder zwischen Sein und Nichtsein. Und kreist mit ihrem tastenden Humor noch einmal ein, was ihre Vorstellung vom Schreiben ausmacht: „auf dem Tisch eine Welt ausbreiten / – nicht von dieser Welt.“

Wislawa Szymborska: Glückliche Liebe und andere Gedichte. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall und Karl Dedecius. Suhrkamp, Berlin 2013. 103 S., 18,95 €.

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