Kultur : Ein Steinkreis auf der Zugspitze schafft einen Raum der Stille

ANNE MARIE FREYBOURG

Die neueste Arbeit des britischen Bildhauers Richard Long - Eine Initiative des Nürnberger Ausstellungsmachers Lucius GrisebachVON ANNE MARIE FREYBOURGDer Wetterdienst meldet: Die Zugspitze hat auf ihrem Höhenplateau gute Skibedingungen mit einer Schneelage von dreieinhalb Metern.Die Sonne über der niedrighängenden Wolkendecke wärmt die Sportler, die mit der neuesten technisch-sportiven Ausrüstung sich auf den verschiedenen Abfahrten rund um die höchste Bergspitze Deutschlands vergnügen.Laute Hip-Hop-Musik dröhnt aus den im Freien aufgestellten Lautsprechern, ein langer Bartresen säumt das Plateau.Après-Ski findet heute schon auf der Piste statt.Im Zeitalter extensiver Freizeitgestaltung hat der Skizirkus die Stille der Berge verdrängt. Der 1995 eröffnete Ausstellungsraum der Zugspitzbahn-Gesellschaft bietet dagegen Ruhe und Einhalt in dem Tohuwabohu.Seit Januar zeigt der für die Ausstellungen verantwortliche Lucius Grisebach vom Nürnberger Museum für Moderne Kunst eine neue Arbeit des Briten Richard Long.Longs Arbeiten weisen eine Stetigkeit in der Verwendung von Naturmaterialien und geometrischen Grundformen auf, daß man meint, sie immer schon zu kennen - und trotzdem sind sie in der unmittelbaren sinnlichen Konfrontation immer wieder eine Überraschung.Anders als in musealen Präsentationen oder in Foto-Dokumentationen, entfaltet die Zugspitz-Arbeit eine erstaunliche Sogkraft, die sich aus dem krassen Gegensatz von Außenlärm und der fast völligen Verdrängung des Naturerlebnisses zu der Ruhe und Verhaltenheit der Arbeit im Innenraum entwickelt. Der Kunstraum öffnet mit drei großen Glasfronten den Blick auf die Bergwelt und die imposanten Steinmassive der Zugspitze, gleichzeitig schottet er den Besucher ab von den Turbulenzen der Skipisten und der Gemütlichkeit der zahlreichen gastronomischen Angebote. Ein großer, sich weit spannender Kreis aus kleinen und mittelgroßen Brocken Kalksteins des Zugspitzmassivs ist auf dem Boden ausgelegt.Seine räumliche Spannung erhält er dadurch, daß der Kreis die eine Deckenstütze exzentrisch einschließt und die andere aus seinem Rund ausschließt.So ruht dieser Kreis mit einer gewissen Gespanntheit im Raum und zieht den Blick des Betrachters in seinen wortwörtlichen Bann.Seit Ende der sechziger Jahre entwirft Long für seine Beschäftigung mit der Natur und dem Naturhaften präzise Handlungskonzepte, die sich auf das Erkunden von Landschaften richten. Je nach den geographischen und klimatischen Besonderheiten der ausgewählten Landschaft, werden Wegstrecken und Zeitmaß für die Wanderungen des Künstlers vorab festgelegt.Als zeichenhafte Dokumente solcher Handlungen werden gefundene Steine oder Hölzer gesammelt und geordnet zur einer abstrakten Form zusammengefaßt.Dem britischen Künstler geht es dabei nicht um eine Unmittelbarkeit der sinnlichen Erfahrung, nicht um das Material als Zeichen des Naturhaften.Richard Longs Konzept überschreitet vielmehr den herkömmlichen plastischen Materialbegriff.Das Material - meist Stein oder Holz - tritt gänzlich in den Hintergrund und wird nun zum Verweis auf den fernen Ort und eine vergangene Handlung. Die Natur ist heute soweit unserer sinnlichen Wahrnehmung entzogen, daß Long eine Annäherung an sie über den Umweg von Kategorien wie Wegstrecke und Zeit zu formulieren versucht.Diese Kategorien tragen die Merkmale von historischen Forschungsreisen in unbekannte Gebiete und ihre Kartographierungen wie auch das technisch-physikalische Moment der Mechanik - Weg durch Zeit - in sich.In seinen Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur tauchen Perspektiven der Demut vor der Natur auf, wie auch der Gewaltsamkeit des menschlichen Bezwingens der Natur.Kreis, Rechteck und Linie, die Longs µuvre als Formen bestimmen, erscheinen als Hilfsmittel, um eine meditative Spur zu finden, die von der Auseinandersetzung mit dem Naturschönen zu zeugen vermag.Gleichzeitig wird an ihnen aber auch das Gewaltsame des ordnenden Menschen spürbar, der eine Spur einfräsen will. Longs Arbeiten sind Denkmodelle, die in der geglückten Präsentation auf der Zugspitze, in der situativen Verschränkung eines Restes von realem Naturraum und musealem Raum, eine besondere Intensität ausstrahlen können, wie sie leider in der edlen Präsentation der Longschen Arbeit im Hamburger Bahnhof, dem Berliner Museum für Gegenwartskunst, verloren gegangen ist.

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