• Ein strahlender Schwarzmaler - Ein neuer Blick auf das Werk des österreichischen Malers

Kultur : Ein strahlender Schwarzmaler - Ein neuer Blick auf das Werk des österreichischen Malers

Stephan Reimertz

In den letzten Jahren hat sich das Wiener Kunstforum weit über Österreich hinaus als Zentrum moderner Kunst profilieren können. Mit einer Reihe monografischer Ausstellungen ist es ihm gelungen, in der reichen Wiener Kunstlandschaft Akzente zu setzen. Während im kaiserlichen Marstall am Maria-Theresia-Platz das "Museumsquartier" zu einer der größten Kunstsammlungen Europas ausgebaut wird, setzt das Kunstforum auf Wechselausstellungen. Innerhalb eines Jahres konnte man hier Werkübersichten von Kirchner, Beckmann und Cézanne studieren. Die Arnulf-Rainer-Retrospektive ist jetzt nicht nur eine verspätete Geburtstagsfeier für den 1929 in Baden bei Wien geborenen Maler. Hier wird zugleich das Konzept fortgesetzt, Künstler, die jeder zu kennen meint, von einer neuen Seite zu zeigen.

Und glaubte man nicht, Arnulf Rainer zu kennen? Der expressive Erbe des Surrealismus galt, nachdem er sich bereits mit 22 Jahren vom "phantastischen Realismus" eines Ernst Fuchs oder Arik Brauer abgewandt hatte, als schöpferischer Zerstörer und enfant terrible. Von 1953 an erschreckte er den Betrachter, indem er eigene und fremde Gemälde übermalte; keineswegs einfarbig, sondern in differenziert abgemischtem Schwarz oder Rot. Leider verzichtet die Wiener Ausstellung darauf, die Techniken auszuweisen. Dabei sind Rainers Bilder von erheblichem materialen Reiz. Er verwendet Öl und Ölkreide, Graphit, Feder und Mischtechniken auf Leinwand, Papier oder Pressspan.

In den frühen fünfziger Jahren zeigte er sich als Mondrianist und Zeichner in der Kubin-Nachfolge. Zugleich aber hatte er den Weg zur Übermalung und zur christlichen Ikonographie schon gefunden. Tatsächlich ist ein konservativerer Moderner als Arnulf Rainer kaum vorstellbar. Er nimmt die christliche Ikonographie sehr viel ernster als mancher klassische Maler, der lediglich einen Formenkanon bediente. Nicht die Geste, sondern der Geist der christlichen Kunst spricht aus diesem Werk, ebenso wie das mosaische Gebot "Du sollst dir kein Bildnis machen".

Die Kirche hat die Bedeutung Rainers sofort erkannt. Der Priester Otto Mauer hat den Künstler in seiner 1955 in Wien gegründeten Galerie St. Stephan durchgesetzt, die bis Ende der sechziger Jahre Österreichs einflussreichste Avantgarde-Galerie bleiben sollte. Schon der frühmittelalterliche Kirchenlehrer Donatus von Besançon hatte eine Art asketischen Klassizismus propagiert und gefordert, dass Bilder "nigrae tantum" (nur schwarz) sein sollten. Wie in Mondrians großer Abstraktion wird auch bei Rainer die Bilderfeindlichkeit selbst bildnerisch. Beide Maler haben dabei das Tafelbild nie in Frage gestellt.

Wenn Ikonenmalerei im 20. Jahrhundert überhaupt noch möglich ist, so hat Rainer diesen transzendentalen, meditativen Bildtypus mit Hilfe der puristischen Züge der Moderne wiederbelebt. Ihren radikalsten Ausdruck fand seine Verbindung von Figur, Abstraktion und christlicher Ikonographie in 15 verschieden großen Kreuzen, die der Künstler in den Jahren 1956 und 1957 aus Hartfaserplatten zusammensetzte und mit schwarzer Ölfarbe bemalte.

Hermann Brochs Wort " ... niemandem ist es leicht gemacht, Ebenbild Gottes zu bleiben" könnte als Motto über den rund 200 Bildern dieser Ausstellung stehen. Ende der sechziger Jahre begann Rainer, Fotos zu übermalen. Auch hier verdeckt die schwarze Farbe das Antlitz weniger, als dass sie es erst sichtbar macht. Selbst wenn der Künstler Frauenakte mit schwarzen Linien umgibt, zerstört er den Körper nicht, sondern lässt die Aura, die ihn umgibt, aufleuchten. "Erotische Kunst" gibt es hier nicht. Erst heute, da sich die middle-class vollständig der Obszönität in die Arme geworfen hat, erscheint die Keuschheit und Strenge von Arnulf Rainers Werk in ihrer vollen Bedeutung, seine Schwärze in strahlendem Licht.Kunstforum Wien, bis 13. August; Katalog 390 Schilling. Kinderkatalog 90 Schilling.

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